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POEMS BY J. W. GOETHE

 

 

ZIGEUNERLIED

(from „Gesellige Lieder“)

 
 Im Nebelgeriesel, im tiefen Schnee,
 Im wilden Wald, in der Winternacht,
 Ich hörte der Wölfe Hungergeheul,
 Ich hörte der Eulen Geschrei,
 Wille wau wau wau! 
 Wille wo wo wo!
 Wito hu!
 
 Ich schoß einmal eine Katz' am Zaun,
 Der Anne, der Hex' ihre schwarze Katz';
 Da kamen des Nachts sieben Wehrwölf' zu mir,
 Es waren sieben Weiber vom Dorf.
 Wille wau wau wau! 
 Wille wo wo wo!
 Wito hu!
 
 Ich kannte sie all', ich kannte sie wohl
 Die Anne, die Ursel, die Käth',
 Die Liese, die Barbe, die Ev', die Beth';
 Sie heulten im Kreise mich an.
 Wille wau wau wau! 
 Wille wo wo wo!
 Wito hu!
 
 Da nannt' ich sie alle beim Namen laut:
 Was willst du Anne? was willst du Beth?
 Sie rüttelten sich, sie schüttelten sich
 Und liefen heulend davon.
 Wille wau wau wau! 
 Wille wo wo wo!
 Wito hu!

 

 

DIE SPRÖDE
 
An dem reinsten Frühlingsmorgen
 Ging die Schäferin und sang,
 Jung und schön und ohne Sorgen,
 Daß es durch die Felder klang,
 So lala! Lerallala!
 
 Thyrsis bot ihr für ein Mäulchen
 Zwei, drei Schäfchen gleich am Ort,
 Schalkhaft blickte sie ein Weilchen;
 Doch sie sang und lachte fort:
 So lala! Lerallala!
 
 Und ein Andrer bot ihr Bänder, 
 Und der Dritte bot sein Herz;
 Doch sie trieb mit Herz und Bändern
 So wie mit den Lämmern Scherz,
 Nur lala! Lerallala!
 
 
DIE BEKEHRTE
 
Bei dem Glanz der Abendröte
 Ging ich still den Wald entlang,
 Damon saß und blies die Flöte,
 Daß es von den Felsen klang,
 So la la! . . .
 
 Und er zog mich an sich nieder,
 Küßte mich so hold und süß.
 Und ich sagte: Blase wieder!
 Und der gute Junge blies,
 So la la! . . .
 
 Meine Ruhe ist nun verloren,
 Meine Freude floh davon,
 Und ich höre vor meinen Ohren
 Immer nur den alten Ton,
 So la la, le ralla! . . .

 

 

GLEICH UND GLEICH

 

Ein Blümenglöckchen

Vom Boden hervor

War früh gesprosset

In lieblichem Flor;

Da kam ein Bienchen

Und naschte fein:-

Die müssen wohl beide

Für einander sein.

 

 

WANDERERS NACHTLIED

 

Über allen Gipfeln

Ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

 

 

Erlkönig

(from Balladen)

 

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Es ist der Vater mit seinem Kind;

Er hat den Knaben wohl in dem Arm,

Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

 

»Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?«

»Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?

Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?«

»Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.«

 

»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!

Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;

Manch bunte Blumen sind an dem Strand;

Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«

 

»Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,

Was Erlenkönig mir leise verspricht?«

»Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;

In dürren Blättern säuselt der Wind.«

 

»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?

Meine Töchter sollen dich warten schön;

Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,

Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«

 

»Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort

Erlkönigs Töchter am düstern Ort?«

»Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:

Es scheinen die alten Weiden so grau.«

  

»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.«

»Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!

Erlkönig hat mir ein Leids getan!«

  

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,

Er hält in Armen das ächzende Kind,

Erreicht den Hof mit Mühe und Not;

In seinen Armen das Kind war tot.

 

 

Harfenspieler

 

Wer sich der Einsamkeit ergibt,

Ach, der ist bald allein;

Ein jeder lebt, ein jeder liebt

Und läßt ihn seiner Pein.

       

Ja! laßt mich meiner Qual!

Und kann ich nur einmal

Recht einsam sein,

Dann bin ich nicht allein.

       

Es schleicht ein Liebender lauschend sacht,

Ob seine Freundin allein?

So überschleicht bei Tag und Nacht

Mich Einsamen die Pein,

Mich Einsamen die Qual.

Ach, werd ich erst einmal

Einsam im Grabe sein,

Da läßt sie mich allein!

 

Derselbe

 

An die Türen will ich schleichen,

Still und sittsam will ich stehn;

Fromme Hand wird Nahrung reichen,

Und ich werde weitergehn.

Jeder wird sich glücklich scheinen,

Wenn mein Bild vor ihm erscheint;

Eine Träne wird er weinen,

Und ich weiß nicht, was er weint.

 

 

Derselbe

 

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,

Wer nie die kummervollen Nächte

Auf seinem Bette weinend saß,

Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!

 

Ihr führt ins Leben uns hinein,

Ihr laßt den Armen schuldig werden,

Dann überlaßt ihr ihn der Pein:

Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

 

 

LIED DER MIGNON
(from „Whilhelm Meister“)
 
Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
 Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht,
 Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen,
 Allein das Schicksal will es nicht.
 
 Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf
 Die finstre Nacht, und sie muß sich erhellen,
 Der harte Fels schließt seinen Busen auf,
 Mißgönnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen.
 
 Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh,
 Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen,
 Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu,
 Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen.
 
 
DIESELBE
(from „Whilhelm Meister“)
 
Nur wer die Sehnsucht kennt
 Weiß, was ich leide!
 Allein und abgetrennt
 Von aller Freude,
 Seh ich ans Firmament
 Nach jener Seite.
 
 Ach! der mich liebt und kennt,
 Ist in der Weite.
 Es schwindelt mir, es brennt
 Mein Eingeweide.
 Nur wer die Sehnsucht kennt
 Weiß, was ich leide!
 
 
DIESELBE
(from „Whilhelm Meister“)
 
So laßt mich scheinen, bis ich werde,
 Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
 Ich eile von der schönen Erde
 Hinab in jenes feste Haus.
 
 Dort ruh' ich eine kleine Stille,
 Dann öffnet sich der frische Blick;
 Ich laße dann die reine Hülle,
 Den Gürtel und den Kranz zurück.
 
 Und jene himmlischen Gestalten
 Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
 Und keine Kleider, keine Falten
 Umgeben den verklärten Leib.
 
 Zwar lebt' ich ohne Sorg' und Mühe,
 Doch fühlt' ich tiefen  Schmerz genung.
 Vor Kummer altert' ich zu frühe;
 Macht mich auf ewig wieder jung!
 
 
SINGET NICHT IN TRAUERTÖNEN
(from „Whilhelm Meister“)
 
Singet nicht in Trauertönen
 Von der Einsamkeit der Nacht.
 Nein, sie ist, o holde Schönen,
 Zur Geselligkeit gemacht.
 
 Wie das Weib dem Mann gegeben
 Als die schönste Hälfte war,
 Ist die Nacht das halbe Leben
 Und die schönste Hälfte zwar. 
 
 Könnt ihr euch des Tages freuen,
 Der nur Freuden unterbricht?
 Er ist gut, sich zu zerstreuen;
 Zu was anderm taugt er nicht.
 
 Aber wenn in nächt'ger Stunde
 Süsser Lampe Dämmrung fließt,
 Und vom Mund zum nahen Munde
 Scherz und Liebe sich ergießt;
 
 Wenn der rasche, lose Knabe,
 Der sonst wild und feurig eilt,
 Oft bei einer kleinen Gabe
 Unter leichten Spielen weilt;
 
 Wenn die Nachtigall Verliebten
 Liebevoll ein Liedchen singt,
 Das Gefangnen und Betrübten
 Nur wie Ach und Wehe klingt;
 
 Mit wie leichtem Herzensregen
 Horchet ihr der Glocke nicht,
 Die mit zwölf bedächtgen Schlägen
 Ruh und Sicherheit verspricht.
 
 Darum an dem langen Tage,
 Merke dir es, liebe Brust;
 Jeder Tag hat seine Plage,
 Und die Nacht hat ihre Lust.

 

 

MARMOTTE

(from Jahrmarktsfest auf Plundersweilern)

 

Ich komme schon durch manches Land,
 Avec que la marmotte,
 Und immer was zu essen fand,
 Avec que la marmotte.
 
 Refrain:
 Avec que sí, avec que là,
 Avec que la marmotte.
 
 Ich hab gesehn gar manchen Herrn, 
 Avec que la marmotte,
 der hat die Jungfrau gar zu gern,
 Avec que la marmotte.
 
 Hab' auch gesehn die Jungfer schön,
 Avec que la marmotte,
 die täte nach mir Kleinem sehn,
 Avec que la marmotte.
 
 Nun lasst mich nicht so geh, ihr Herrn,
 Avec que la marmotte,
 die Burschen essen und trinken gern,
 Avec que la marmotte.
 

 

ZUR ROSENZEIT

(from Erwin und Elmire)

 

Ihr verblühet, süße Rosen,

Meine Liebe trug euch nicht;

Blühtet, ach! Dem Hoffnungslosen,

Dem der Gram die Seele bricht!

 

Jener Tage denk’ ich trauernd,

Als ich, Engel, an dir hing,

Auf das erste Knöspchen lauernd

Früh zu meinem Garten ging;

 

Alle Blüten, alle Früchte

Noch zu deinen Füßen trug,

Und vor deinem Angesichte

Hoffnung in dem Herzen schlug.

 

Ihr verblühet, süße Rosen,

Meine Liebe trug euch nicht;

Blühtet, ach! Dem Hoffnungslosen,

Dem der Gram die Seele bricht!

 

 

SCHLECHTER TROST

(from „West-Östlicher Divan – Buch der Liebe“)

 
 Mitternachts weint' und schluchzt' ich,
 Weil ich dein entbehrte.
 Da kamen Nachtgespenster
 Und ich schämte mich.
 "Nachtgespenster," sagt' ich,
 "Schluchzend und weinend
 Findet ihr mich, dem ihr sonst
 Schlafendem vorüberzogt.
 Große Güter vermiss' ich.
 Denkt nicht schlimmer von mir,
 Den ihr sonst weise nanntet,
 Großes Übel betrifft ihn!"
 Und die Nachtgespenster
 Mit langen Gesichtern
 Zogen vorbei,
 Ob ich weise oder törig
 Völlig unbekümmert.

 

 

DER SPIEGEL SAGT MIR: ICH BIN SCHÖN

(from „West-Östlicher Divan – Buch der Betrachtungen“)

 

Der Spiegel sagt mir: ich bin schön!

Ihr sagt: zu altern sey auch mein Geschick.

Vor Gott muss alles ewig stehn

In mir liebt ihn für diesen AugenblicK.

 

 

KEINEN REIMER WIRD MAN FINDEN

(from „West-Östlicher Divan – Buch des Unmuts“)

 

Keinen Reimer wird man finden
 Der sich nicht den besten hielte,
 Keinen Fiedler, der nicht lieber
 Eigne Melodien spielte.
 
 Und ich konnte sie nicht tadeln;
 Wenn wir andern Ehre geben,
 Müssen wir uns selbst entadeln;
 Lebt man denn, wenn andre leben?
 
 Und so fand ich's denn auch juste
 In gewissen Antichambern,
 Wo man nicht zu sondern wußte
 Mäusedreck von Koriandern.
 
 Das Gewesne wollte hassen
 Solche rüstge neue Besen,
 Diese dann nicht gelten lassen
 Was sonst Besen war gewesen.
 
 Und wo sich die Völker trennen
 Gegenseitig im Verachten,
 Keins von beiden wird bekennen,
 Daß sie nach demselben trachten.
 
 Und das grobe Selbstempfinden
 Haben Leute hart gescholten,
 Die am wenigsten verwinden,
 Wenn die andern was gegolten.

 

 

WER WIRD VON DER WELT VERLANGEN

(from „West-Östlicher Divan – Buch des Unmuts“)

 

Wer wird von der Welt verlangen,

Was sie selbst vermißt und träumet,

Rückwärts oder seitwärts blickend,

Stets den Tag des Tags versäumet?

 

Ihr Bemühn, ihr guter Wille

Hinkt nur nach dem raschen leben,

Und was du vor Jahren brauchtest,

Möchte sie dir heute geben.

 

 

HAB’ICH EUCH DENN JE GERATEN

(from „West-Östlicher Divan – Buch des Unmuts“)

 

Hab’ ich euch denn je geraten,

Wie ihr Kriege führen solltet?

Schalt ich euch nach euren Taten,

Wenn ihr Frieden schließen wolltet?

 

Und so hab’ ich auch den Fischer

Ruhig sehen Netze werfen,

Brauchte dem gewandten Tischler

Winkelmaß nicht einzuschärfen.

 

Aber ihr wollt besser wissen,

Was ich weiß, da ich bedachte,

Was Natur für mich beflissen,

Schon zu meinem Eigen machte.

 

Füllt ihr auch dergleichen Stärke?

Nun, so fördert eure Sachen!

Seht ihr aber meine Werke,

Lernet erst: so wollt’ er’s machen.

 

 

WANDERERS GEMÜTSRUHE

(from „West-Östlicher Divan – Buch des Unmuts“)

 

Übers Niederträchtige

Niemand sich beklage;

Denn es ist das Mächtige,

Was man dir auch sage.

 

In dem Schlechten waltet es

Sich zu Hochgewinne,

Und mit Rechten schaltet es

Ganz nach seinem Sinne.

 

Wandrer! Gegen solche Not

Wolltest du dich sträuben?

Wirbelwind und trocknen Kot

Laß sie drehn und stäuben.

 

 

HOCHBEGLÜCKT IN DEINER LIEBE

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

Hochbeglückt in deiner Liebe

Schelt ich nicht Gelegenheit;

Ward sie auch an dir zum Diebe,

Wie mich solch ein Raub erfreut!

     

Und wozu denn auch berauben?

Gib dich mir aus freier Wahl,

Gar zu gerne möcht ich glauben -

Ja, ich bin's, die dich bestahl.

              

Was so willig du gegeben,

Bringt dir herrlichen Gewinn,

Meine Ruh, mein reiches Leben

Geb ich freudig, nimm es hin!

 

Scherze nicht! Nichts von Verarmen!

Macht uns nicht die Liebe reich?

Halt ich dich in meinen Armen,

Jedem Glück ist meines gleich.

 

    

IST’S MÖGLICH

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

Ist’s möglich, dass ich Liebchen dich kose,

Vernehme der göttlichen Stimme Schall!

Unmöglich scheint immer die Rose,

Unbegreiflich die Nachtigall.

 

 

ALS ICH AUF DEM EUPHRAT SCHIFFTE

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

Als ich auf dem Euphrat schiffte,

Streifte sich der goldne Ring

Fingerab in Wasserklüfte,

Den ich jüngst von dir empfing.

               

Also träumt ich. Morgenröte

Blitzt ins Auge durch den Baum.

Sag, Poete, sag, Prophete!

Was bedeutet dieser Traum?

 

 

DIE SONNE KOMMT! EIN PRACHTERSCHEINEN!

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

Die Sonne kommt! Ein Prachterscheinen!

Der Sichelmond umklammert sie.

Wer konnte solch ein Paar vereinen?

Dies Rätsel, wie erklärt sich’s? Wie?

 

 

NIMMER WILL ICH DICH VERLIEREN

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

Nimmer will ich dich verlieren!

Liebe gibt der Liebe Kraft.

Magst du meine Jugend zieren

Mit gewalt'ger Leidenschaft.

Ach! wie schmeichelt's meinem Triebe,

Wenn man meinen Dichter preist:

Denn das Leben ist die Liebe,

Und des Lebens Leben Geist.

 

 

LASS DEINEN SÜSSEN RUBINENMUND

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

Lass deinen süssen Rubinenmund

Zudringlichkeiten nicht verfluchen;

Was hat Liebesschmerz andern Grund,

Als seine Heilung zu suchen?

 

 

AN DES LUST’GEN BRUNNEN RANDS

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

An des lust'gen Brunnens Rand

Der in Wasserfäden spielt,

Wußt ich nicht, was fest mich hielt;

Doch da war von deiner Hand

Meine Chiffer leis gezogen,

Nieder blickt ich, dir gewogen.

            

Hier, am Ende des Kanals

Der gereihten Hauptallee,

Blick ich wieder in die Höh,

Und da soll ich abermals

Meine Lettern fein gezogen:

Bleibe! bleibe mir gewogen!            

(Hatem)

Möge Wasser, springend, wallend,

Die Zypressen dir gestehn:

Von Suleika zu Suleika

Ist mein Kommen und mein Gehn.

 

 

KAUM DASS ICH DICH WIEDER HABE

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

Kaum dass ic dich wieder habe

Dich mit Kuss und Liedern labe,

Bist du still in dich gekehret;

Was beengt und drückt und störet?

 

 

DEINEM BLICK MICH ZU BEQUEMEN

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

Deinem Blick mich zu bequemen,

Deinem Mund, deiner Brust

Deine Stimme zu vernehmen,

war die letzt’ und erste Lust.

 

Gestern, ach, war sie die letzte,

dann verlosch mir Leucht und Feuer.

Jeder Scherz der mich ergetzte,

wird nun schulden schwer und teuer.

 

Eh’es Allah nicht gefällt,

uns zu vereinen,

gibt mir Sonne, Mond und Welt,

nur Gelegenheit zum Weinen.

 

NACHKLANG ( Von Wolken streifenhaft befangen)

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

Von Wolken streifenhaft befangen,

versankt zur Nacht des Himmels reinstes Blau.

Vermagert blaß sind meine Wangen

Und meine Herzenstränen grau.

Laß mich nict so in Nacht, den Schmerzen,

du, Allerliebste, du mein Mondgesicht!

 

 

ACH, UM DEINE FEUCHTEN SCHWINGEN

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

Ach, um deine feuchten Schwingen

West, wie sehr ich dich beneide:

Denn du kannst ihm Kunde bringen,

was ich in der Trennung leide!

 

Die Bewegung deiner Flügel

Weckt im Busen stilles Sehnen,

Blumen, Augen, Wald  und Hügel

Steh’n bei deinem Hauch in Tränen.

 

Doch dein mildes, sanftes Wehen

Kühlt die wunden Augenlider;

Ach, für Leid müsst’ich vergehen,

hofft’ich nicht zu seh’n ihn wieder!

 

Eile denn zu meinem Liebe,

spreche sanft zu seinem Herzens:

doch vermeid’ihn zu betrüben,

und verbirg ihm meine Schmerzen.

 

Sag’ihm, aber sag’s bescheiden:

seine Liebe sei mein Leben:

Freudiges Gefühl von beiden

Wird mir seine Nähe geben.

 

 

WIE MIT INNIGSTEM BEHAGEN

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

Wie mit innigstem Behagen,

Lied, empfind’ich deinen Sinn!

Liebevoll, du scheinst zu sagen,

Dass ich ihm zur Seite bin.

Dass er ewig mein gedenket,

seiner Liebe Seligkeit

immerdar der fernen schenket,

die ein Leben ihm geweiht.

 

Ja, mein Herz, es ist der Spiegel,

Freund, worin du dich erblickt;

Diese Brust, wo deine Siegel

Kuss auf Kuss herein gedrüct

Süsses Dichten, lautre Wahrheit

Fesselt mich in Sympathie!

Rein verkörpert Liebesklarheit,

Im Gewand der Poesie.

 

 

IN TAUSEND FORMEN MAGST DU DICH VERSTECKEN

(from „West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)

 

In tausend Formen magst du dich verstecken,

Doch, Allerliebste, gleich erkenn ich dich:

Du magst mit Zaueberschleiern dich bedekken,

Allgegenwärt’ge, gleich erkenn ich dich.

 

 

ES WAR EINE RATT' IM KELLERNEST (LIED DES BRANDERS)

(from „Faust I“)

 

Es war eine Ratt' im Kellernest,
 Lebte nur von Fett und Butter,
 Hatt' sich ein Ränzlein angemäst't,
 Als wie der Doctor Luther.
 Die Köchin hatt' ihr Gift gestellt;
 Da ward's so eng' ihr in der Welt,
 Als hätt' sie Lieb im Leibe.
 
 Sie fuhr herum, sie fuhr heraus
 Und soff aus allen Pfützen,
 Zernagt', zerkratzt' das ganze Haus,
 Wollt' nichts ihr Wüten nützen;
 Sie tät gar manchen Ängstesprung,
 Bald hatt' das arme Tier genung
 Als hätt' sie Lieb im Leibe.
 
 Sie kam vor Angst am hellen Tag
 Der Küche zugelaufen,
 Fiel an den Herd und zuckt' und lag,
 Und tät erbärmlich schnaufen.
 Da lachte die Vergift'rin noch:
 Ha! sie pfeift auf dem letzten Loch,
 Als hätt' sie Lieb im Leibe.

 

 

ES WAR EINMAL EIN KÖNIG (LIED DES MEPHISTOPHELES)

(from „Faust I“)

 

Es war einmal ein König,
 Der hatt' einen großen Floh,
 Den liebt' er gar nicht wenig,
 Als wie seinen eig'nen Sohn.
 Da rief er seinen Schneider,
 Der Schneider kam heran;
 "Da, miß dem Junker Kleider
 Und miß ihm Hosen an!"
 
 In Sammet und in Seide
 War er nun angetan,
 Hatte Bänder auf dem Kleide,
 Hatt' auch ein Kreuz daran,
 Und war sogleich Minister,
 Und hatt einen großen Stern.
 Da wurden seine Geschwister
 Bei Hof auch große Herrn.
 
 Und Herrn und Frau'n am Hofe,
 Die waren sehr geplagt,
 Die Königin und die Zofe
 Gestochen und genagt,
 Und durften sie nicht knicken,
 Und weg sie jucken nicht.
 Wir knicken und ersticken
 Doch gleich, wenn einer sticht.

 

 

ACH NEIGE, DU SCHMERZENREICHE

(from „Faust I“- Gretchen vor dem Andachtsbild der Mater dolorosa)

 

Ach neige,

Du Schmerzenreiche,

Dein Antlitz gnädig meiner Not!

 

Das Schwert im Herzen,

Mit tausend Schmerzen

Blickst auf zu deines Sohnes Tod.

 

Zum Vater blickst du,

Und Seufzer schickst du

Hinauf um sein’ und deine Not.

 

Wer fühlet,

Wie wühlet

Der Schmerz mir im Gebein?

 

Was mein armes Herz hier banget,

Was es zittert, was verlanget,

Weißt nur du, nur du allein!

 

Wohin ich immer gehe,

Wie weh’, wie weh’, wie wehe

Wird mir im Busen hier!

 

Ich bin ach kaum alleine,

Ich wein’, ich wein’, ich weine,

Das Herz zerbricht in mir.

 

Die Scherben vor meinem Fenster

Betaut ich mit Tränen, ach!

Als ich am frühen Morgen

Dir diese Blumen brach.

 

Schien hell in meine Kammer

Die Sonne früh herauf,

Saß ich in allem Jammer

In meinem Bett schon auf.

 

Hilf! Rette mich von Schmach und Tod!

Ach neige,

Du Schmerzenreiche,

Dein Antlitz gnädig meiner Not!

 

 

PERDUTA HO LA PACE (Meine Ruh’ ist hin, trad. Luigi Balestri)

(from „Faust I“)

 

Perduta ho la pace,

ho in cor mille guai;

ah, no, più non spero

trovarla più mai.

 

M’è bui di tomba

ov’egli non è;

senz’esso un deserto

è il mondo per me.

 

Mio povero capo

confuso travolto;

oh misera, il senno,

il senno m’è tolto!

 

Perduta, ecc.

 

S’io sto al finestrello,

ho gli’occhi a lui solo;
s’io sfuggo di casa,

sol dietro a lui volo.

 

Oh, il bel portamento;

oh, il vago suo viso!

Qual forza è nei sguardi,

che dolce sorriso!

 

E son le parole

un magico rio;
qual stringer di mano,

qual bacio, mio Dio!

 

Perduta, ecc.

 

Anela congiungersi

al suo il mio petto;
potessi abbracciarlo,

tenerlo e me stretto!

 

Baciarlo potessi,

far pago il desir!

Baciarlo! E potessi

baciata morir.

 

From Faust (Gretchen am Spinnrade, allein)

 

Meine Ruh’ ist hin,

Mein Herz ist schwer;

Ich finde sie nimmer

Und nimmermehr.

 

Wo ich ihn nicht hab’

Ist mir das Grab,

Die ganze Welt

Ist mir vergällt.

 

Mein armer Kopf

Ist mir verrückt,

Mein armer Sinn

Ist mir zerstückt.

 

Meine Ruh’ ist hin,

Mein Herz ist schwer;

Ich finde sie nimmer

Und nimmermehr.

 

Nach ihm nur schau’ ich

Zum Fenster hinaus,

Nach ihm nur geh’ ich

Aus dem Haus.

 

Sein hoher Gang,

Sein’ edle Gestalt,

Seines Mundes Lächlen,

Seiner Augen Gewalt,

 

Und seiner Rede

Zauberfluss,

Sein Händedruck,

Und ach sein Kuss!

 

Meine Ruh’ ist hin,

Mein Herz ist schwer;

Ich finde sie nimmer

Und nimmermehr.

 

Mein Busen drängt sich

Nach ihm hin:

Ach, dürft’ ich fassen

Und halten ihn

 

Und küssen ihn

So wie ich wollt’,

An seinen Küssen

Vergehen sollt’!

 

 

 

MOLITVA (Sieh’ mich Heilger trad. A. Pleshcheyev)

 

O, Bozhe moy! Vzglyani na greshnuyu menya;

ya muchus’, ya bol’na dushoy,

izrїta skorb’yu grud’moya.

O, moy tvorets, velik moy grekh,

ya na zemle prestupney vsekh.

Kipela v nyom mladaya krov’,

bїla chista evo lyubov’,

no on eyo v grudi svoyey

tail tak sviato ot lyudey.

Ya znala vsyo….O, Bozhe moy!

Prosti mne greshnoy i bol’noy.

Evo ya muki ponzala;

ulїbkoy, vzorom lish’ odnim

ya b istelit’ evo mogla,

no ya ne szhalilas’ nad nim.

Tomilsya dolgo, dolgo on,

pechal’ yu tyazhkoy udruchen;

I umer, bednїy nakonets,

o, Bozhe moy, o mo Tvorets!

Tron’sya greshnoyu mol’boy…

Vzglyani, kak ya bol’na dushoy.

 

From  Erwin und Elmire

 

Sieh mich, Heil’ger, wie ich bin,

Eine arme Sünderin.

Angst und Kummer, Reu’ und Schmerz

Quälen dieses arme Herz.

Sieh mich vor dir unverstellt,

Herr, die Schuldigste der Welt.

 

Ach! es war ein junges Blut,

War so lieb, er war so gut!

Ach, so redlich liebt’ er mich!

Ach, so heimlich quält’ er sich!

Sieh mich, Heil’ger, wie ich bin,

Eine arme Sünderin.

 

Ich vernahm sein stummes Flehn,

Und ich konnt’ ihn zehren sehn;

Hielte mein Gefühl zurück,

Gönnt’ ihm keinen holden Blick.

Sieh mich von dir unverstellt,

Herr, die Schuldigste der Welt.

 

Ach, so drängt’ und quält’ ich ihn,

Und nun ist der Arme hin;

Schwebt in Kummer, Mangel, Not,

Ist verloren, er ist tot!

Sieh mich, Heilger, wie ich bin,

Eine arme Sünderin.

 

 

 

ANAKREONS GRAB

 

Wo die Rose hier blüht,
 wo Reben um Lorbeer sich schlingen,
 Wo das Turtelchen lockt,
 wo sich das Grillchen ergötzt,
 Welch ein Grab ist hier,
 das alle Götter mit Leben
 Schön bepflanzt und geziert?
 Es ist Anakreons Ruh.
 Frühling, Sommer, und Herbst
 genoß der glückliche Dichter;
 Vor dem Winter hat ihn endlich
 der Hügel geschützt.