POEMS BY J.
W. GOETHE
ZIGEUNERLIED
(from
„Gesellige Lieder“)
Im Nebelgeriesel, im tiefen Schnee, Im wilden Wald, in der Winternacht, Ich hörte der Wölfe Hungergeheul, Ich hörte der Eulen Geschrei, Wille wau wau wau! Wille wo wo wo! Wito hu! Ich schoß einmal eine Katz' am Zaun, Der Anne, der Hex' ihre schwarze Katz'; Da kamen des Nachts sieben Wehrwölf' zu mir, Es waren sieben Weiber vom Dorf. Wille wau wau wau! Wille wo wo wo! Wito hu! Ich kannte sie all', ich kannte sie wohl Die Anne, die Ursel, die Käth', Die Liese, die Barbe, die Ev', die Beth'; Sie heulten im Kreise mich an. Wille wau wau wau! Wille wo wo wo! Wito hu! Da nannt' ich sie alle beim Namen laut: Was willst du Anne? was willst du Beth? Sie rüttelten sich, sie schüttelten sich Und liefen heulend davon. Wille wau wau wau! Wille wo wo wo! Wito hu!
DIE SPRÖDE
An dem reinsten Frühlingsmorgen Ging die Schäferin und sang, Jung und schön und ohne Sorgen, Daß es durch die Felder klang, So lala! Lerallala! Thyrsis bot ihr für ein Mäulchen Zwei, drei Schäfchen gleich am Ort, Schalkhaft blickte sie ein Weilchen; Doch sie sang und lachte fort: So lala! Lerallala! Und ein Andrer bot ihr Bänder, Und der Dritte bot sein Herz; Doch sie trieb mit Herz und Bändern So wie mit den Lämmern Scherz, Nur lala! Lerallala! DIE BEKEHRTE
Bei dem Glanz der Abendröte Ging ich still den Wald entlang, Damon saß und blies die Flöte, Daß es von den Felsen klang, So la la! . . . Und er zog mich an sich nieder, Küßte mich so hold und süß. Und ich sagte: Blase wieder! Und der gute Junge blies, So la la! . . . Meine Ruhe ist nun verloren, Meine Freude floh davon, Und ich höre vor meinen Ohren Immer nur den alten Ton,So la la, le ralla! . . .
Ein Blümenglöckchen
Vom Boden hervor
War früh gesprosset
In lieblichem Flor;
Da kam ein Bienchen
Und naschte fein:-
Die müssen wohl beide
Für einander sein.
Über
allen Gipfeln
Ist
Ruh,
In
allen Wipfeln
Spürest
du
Kaum
einen Hauch;
Die
Vögelein schweigen im Walde.
Warte
nur, balde
Ruhest
du auch.
(from
Balladen)
Wer
reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist
der Vater mit seinem Kind;
Er hat
den Knaben wohl in dem Arm,
Er
faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
»Mein
Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?«
»Siehst,
Vater, du den Erlkönig nicht?
Den
Erlenkönig mit Kron und Schweif?«
»Mein
Sohn, es ist ein Nebelstreif.«
»Du
liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar
schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch
bunte Blumen sind an dem Strand;
Meine
Mutter hat manch gülden Gewand.«
»Mein
Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was
Erlenkönig mir leise verspricht?«
»Sei
ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In
dürren Blättern säuselt der Wind.«
»Willst,
feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine
Töchter sollen dich warten schön;
Meine
Töchter führen den nächtlichen Reihn,
Und
wiegen und tanzen und singen dich ein.«
»Mein
Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs
Töchter am düstern Ort?«
»Mein
Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es
scheinen die alten Weiden so grau.«
»Ich
liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und
bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.«
»Mein
Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig
hat mir ein Leids getan!«
Dem
Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er
hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht
den Hof mit Mühe und Not;
In
seinen Armen das Kind war tot.
Wer
sich der Einsamkeit ergibt,
Ach,
der ist bald allein;
Ein
jeder lebt, ein jeder liebt
Und
läßt ihn seiner Pein.
Ja!
laßt mich meiner Qual!
Und
kann ich nur einmal
Recht
einsam sein,
Dann
bin ich nicht allein.
Es
schleicht ein Liebender lauschend sacht,
Ob
seine Freundin allein?
So
überschleicht bei Tag und Nacht
Mich
Einsamen die Pein,
Mich Einsamen
die Qual.
Ach,
werd ich erst einmal
Einsam
im Grabe sein,
Da
läßt sie mich allein!
An die
Türen will ich schleichen,
Still
und sittsam will ich stehn;
Fromme
Hand wird Nahrung reichen,
Und
ich werde weitergehn.
Jeder
wird sich glücklich scheinen,
Wenn
mein Bild vor ihm erscheint;
Eine
Träne wird er weinen,
Und
ich weiß nicht, was er weint.
Wer nie
sein Brot mit Tränen aß,
Wer
nie die kummervollen Nächte
Auf
seinem Bette weinend saß,
Der
kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!
Ihr
führt ins Leben uns hinein,
Ihr
laßt den Armen schuldig werden,
Dann
überlaßt ihr ihn der Pein:
Denn
alle Schuld rächt sich auf Erden.
LIED DER MIGNON
(from „Whilhelm Meister“)
Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen, Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht, Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen, Allein das Schicksal will es nicht. Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf Die finstre Nacht, und sie muß sich erhellen, Der harte Fels schließt seinen Busen auf, Mißgönnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen. Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh, Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen, Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu, Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen. DIESELBE
(from „Whilhelm Meister“) Nur wer die Sehnsucht kennt Weiß, was ich leide! Allein und abgetrennt Von aller Freude, Seh ich ans Firmament Nach jener Seite. Ach! der mich liebt und kennt, Ist in der Weite. Es schwindelt mir, es brennt Mein Eingeweide. Nur wer die Sehnsucht kennt Weiß, was ich leide! DIESELBE
(from „Whilhelm Meister“) So laßt mich scheinen, bis ich werde, Zieht mir das weiße Kleid nicht aus! Ich eile von der schönen Erde Hinab in jenes feste Haus. Dort ruh' ich eine kleine Stille, Dann öffnet sich der frische Blick; Ich laße dann die reine Hülle, Den Gürtel und den Kranz zurück. Und jene himmlischen Gestalten Sie fragen nicht nach Mann und Weib, Und keine Kleider, keine Falten Umgeben den verklärten Leib. Zwar lebt' ich ohne Sorg' und Mühe, Doch fühlt' ich tiefen Schmerz genung. Vor Kummer altert' ich zu frühe; Macht mich auf ewig wieder jung! SINGET NICHT IN TRAUERTÖNEN
(from „Whilhelm Meister“)Singet nicht in Trauertönen Von der Einsamkeit der Nacht. Nein, sie ist, o holde Schönen, Zur Geselligkeit gemacht. Wie das Weib dem Mann gegeben Als die schönste Hälfte war, Ist die Nacht das halbe Leben Und die schönste Hälfte zwar. Könnt ihr euch des Tages freuen, Der nur Freuden unterbricht? Er ist gut, sich zu zerstreuen; Zu was anderm taugt er nicht. Aber wenn in nächt'ger Stunde Süsser Lampe Dämmrung fließt, Und vom Mund zum nahen Munde Scherz und Liebe sich ergießt; Wenn der rasche, lose Knabe, Der sonst wild und feurig eilt, Oft bei einer kleinen Gabe Unter leichten Spielen weilt; Wenn die Nachtigall Verliebten Liebevoll ein Liedchen singt, Das Gefangnen und Betrübten Nur wie Ach und Wehe klingt; Mit wie leichtem Herzensregen Horchet ihr der Glocke nicht, Die mit zwölf bedächtgen Schlägen Ruh und Sicherheit verspricht. Darum an dem langen Tage, Merke dir es, liebe Brust; Jeder Tag hat seine Plage, Und die Nacht hat ihre Lust.
(from Jahrmarktsfest
auf Plundersweilern)
Ich komme schon durch manches Land, Avec que la marmotte, Und immer was zu essen fand,Avec que la marmotte.
Refrain: Avec que sí, avec que là,Avec que la marmotte.
Ich hab gesehn gar manchen Herrn, Avec que la marmotte, der hat die Jungfrau gar zu gern, Avec que la marmotte. Hab' auch gesehn die Jungfer schön, Avec que la marmotte, die täte nach mir Kleinem sehn, Avec que la marmotte. Nun lasst mich nicht so geh, ihr Herrn, Avec que la marmotte, die Burschen essen und trinken gern, Avec que la marmotte.
(from Erwin und Elmire)
Ihr
verblühet, süße Rosen,
Meine
Liebe trug euch nicht;
Blühtet,
ach! Dem Hoffnungslosen,
Dem
der Gram die Seele bricht!
Jener
Tage denk’ ich trauernd,
Als
ich, Engel, an dir hing,
Auf
das erste Knöspchen lauernd
Früh
zu meinem Garten ging;
Alle
Blüten, alle Früchte
Noch
zu deinen Füßen trug,
Und
vor deinem Angesichte
Hoffnung
in dem Herzen schlug.
Ihr
verblühet, süße Rosen,
Meine
Liebe trug euch nicht;
Blühtet,
ach! Dem Hoffnungslosen,
Dem
der Gram die Seele bricht!
SCHLECHTER TROST
(from
„West-Östlicher Divan – Buch der Liebe“)
Mitternachts weint' und schluchzt' ich, Weil ich dein entbehrte. Da kamen Nachtgespenster Und ich schämte mich. "Nachtgespenster," sagt' ich, "Schluchzend und weinend Findet ihr mich, dem ihr sonst Schlafendem vorüberzogt. Große Güter vermiss' ich. Denkt nicht schlimmer von mir, Den ihr sonst weise nanntet, Großes Übel betrifft ihn!" Und die Nachtgespenster Mit langen Gesichtern Zogen vorbei, Ob ich weise oder törig Völlig unbekümmert.
DER SPIEGEL SAGT MIR: ICH BIN
SCHÖN
(from
„West-Östlicher Divan – Buch der Betrachtungen“)
Der Spiegel sagt mir: ich bin schön!
Ihr sagt: zu altern sey auch mein Geschick.
Vor Gott muss alles ewig stehn
In mir liebt ihn für diesen AugenblicK.
KEINEN REIMER WIRD MAN FINDEN
(from
„West-Östlicher Divan – Buch des Unmuts“)
Keinen Reimer wird man finden Der sich nicht den besten hielte, Keinen Fiedler, der nicht lieber Eigne Melodien spielte. Und ich konnte sie nicht tadeln; Wenn wir andern Ehre geben, Müssen wir uns selbst entadeln; Lebt man denn, wenn andre leben? Und so fand ich's denn auch juste In gewissen Antichambern, Wo man nicht zu sondern wußte Mäusedreck von Koriandern. Das Gewesne wollte hassen Solche rüstge neue Besen, Diese dann nicht gelten lassen Was sonst Besen war gewesen. Und wo sich die Völker trennen Gegenseitig im Verachten, Keins von beiden wird bekennen, Daß sie nach demselben trachten. Und das grobe Selbstempfinden Haben Leute hart gescholten, Die am wenigsten verwinden, Wenn die andern was gegolten.
WER
WIRD VON DER WELT VERLANGEN
(from
„West-Östlicher Divan – Buch des Unmuts“)
Wer
wird von der Welt verlangen,
Was
sie selbst vermißt und träumet,
Rückwärts
oder seitwärts blickend,
Stets
den Tag des Tags versäumet?
Ihr
Bemühn, ihr guter Wille
Hinkt
nur nach dem raschen leben,
Und
was du vor Jahren brauchtest,
Möchte
sie dir heute geben.
(from
„West-Östlicher Divan – Buch des Unmuts“)
Hab’
ich euch denn je geraten,
Wie
ihr Kriege führen solltet?
Schalt
ich euch nach euren Taten,
Wenn
ihr Frieden schließen wolltet?
Und so
hab’ ich auch den Fischer
Ruhig
sehen Netze werfen,
Brauchte
dem gewandten Tischler
Winkelmaß
nicht einzuschärfen.
Aber
ihr wollt besser wissen,
Was
ich weiß, da ich bedachte,
Was
Natur für mich beflissen,
Schon
zu meinem Eigen machte.
Füllt
ihr auch dergleichen Stärke?
Nun,
so fördert eure Sachen!
Seht
ihr aber meine Werke,
Lernet
erst: so wollt’ er’s machen.
(from
„West-Östlicher Divan – Buch des Unmuts“)
Übers
Niederträchtige
Niemand
sich beklage;
Denn es
ist das Mächtige,
Was
man dir auch sage.
In dem
Schlechten waltet es
Sich
zu Hochgewinne,
Und
mit Rechten schaltet es
Ganz
nach seinem Sinne.
Wandrer!
Gegen solche Not
Wolltest
du dich sträuben?
Wirbelwind
und trocknen Kot
Laß
sie drehn und stäuben.
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
Hochbeglückt
in deiner Liebe
Schelt
ich nicht Gelegenheit;
Ward
sie auch an dir zum Diebe,
Wie
mich solch ein Raub erfreut!
Und
wozu denn auch berauben?
Gib
dich mir aus freier Wahl,
Gar
zu gerne möcht ich glauben -
Ja,
ich bin's, die dich bestahl.
Was
so willig du gegeben,
Bringt
dir herrlichen Gewinn,
Meine
Ruh, mein reiches Leben
Geb
ich freudig, nimm es hin!
Scherze
nicht! Nichts von Verarmen!
Macht
uns nicht die Liebe reich?
Halt
ich dich in meinen Armen,
Jedem
Glück ist meines gleich.
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
Ist’s möglich, dass ich Liebchen dich kose,
Vernehme der göttlichen Stimme Schall!
Unmöglich scheint immer die Rose,
Unbegreiflich die Nachtigall.
ALS
ICH AUF DEM EUPHRAT SCHIFFTE
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
Als
ich auf dem Euphrat schiffte,
Streifte
sich der goldne Ring
Fingerab
in Wasserklüfte,
Den
ich jüngst von dir empfing.
Also
träumt ich. Morgenröte
Blitzt
ins Auge durch den Baum.
Sag,
Poete, sag, Prophete!
Was
bedeutet dieser Traum?
DIE SONNE KOMMT! EIN
PRACHTERSCHEINEN!
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
Die Sonne kommt! Ein Prachterscheinen!
Der Sichelmond umklammert sie.
Wer konnte solch ein Paar vereinen?
Dies Rätsel, wie erklärt sich’s? Wie?
NIMMER
WILL ICH DICH VERLIEREN
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
Nimmer
will ich dich verlieren!
Liebe
gibt der Liebe Kraft.
Magst
du meine Jugend zieren
Mit
gewalt'ger Leidenschaft.
Ach!
wie schmeichelt's meinem Triebe,
Wenn
man meinen Dichter preist:
Denn
das Leben ist die Liebe,
Und
des Lebens Leben Geist.
LASS DEINEN SÜSSEN RUBINENMUND
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
Lass deinen süssen Rubinenmund
Zudringlichkeiten nicht verfluchen;
Was hat Liebesschmerz andern Grund,
Als seine Heilung zu suchen?
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
An
des lust'gen Brunnens Rand
Der
in Wasserfäden spielt,
Wußt
ich nicht, was fest mich hielt;
Doch
da war von deiner Hand
Meine
Chiffer leis gezogen,
Nieder
blickt ich, dir gewogen.
Hier,
am Ende des Kanals
Der
gereihten Hauptallee,
Blick
ich wieder in die Höh,
Und
da soll ich abermals
Meine
Lettern fein gezogen:
Bleibe!
bleibe mir gewogen!
(Hatem)
Möge
Wasser, springend, wallend,
Die
Zypressen dir gestehn:
Von
Suleika zu Suleika
Ist
mein Kommen und mein Gehn.
KAUM DASS ICH DICH WIEDER HABE
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
Kaum dass ic dich wieder habe
Dich mit Kuss und Liedern labe,
Bist du still in dich gekehret;
Was beengt und drückt und störet?
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
Deinem
Blick mich zu bequemen,
Deinem
Mund, deiner Brust
Deine
Stimme zu vernehmen,
war
die letzt’ und erste Lust.
Gestern,
ach, war sie die letzte,
dann
verlosch mir Leucht und Feuer.
Jeder
Scherz der mich ergetzte,
wird
nun schulden schwer und teuer.
Eh’es
Allah nicht gefällt,
uns zu
vereinen,
gibt
mir Sonne, Mond und Welt,
nur
Gelegenheit zum Weinen.
NACHKLANG
( Von Wolken streifenhaft befangen)
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
Von
Wolken streifenhaft befangen,
versankt
zur Nacht des Himmels reinstes Blau.
Vermagert
blaß sind meine Wangen
Und
meine Herzenstränen grau.
Laß
mich nict so in Nacht, den Schmerzen,
du,
Allerliebste, du mein Mondgesicht!
ACH, UM DEINE FEUCHTEN SCHWINGEN
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
Ach, um deine feuchten Schwingen
West, wie sehr ich dich beneide:
Denn du kannst ihm Kunde bringen,
was ich in der Trennung leide!
Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Steh’n bei deinem Hauch in Tränen.
Doch dein mildes, sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlider;
Ach, für Leid müsst’ich vergehen,
hofft’ich nicht zu seh’n ihn wieder!
Eile denn zu meinem Liebe,
spreche sanft zu seinem Herzens:
doch vermeid’ihn zu betrüben,
und verbirg ihm meine Schmerzen.
Sag’ihm, aber sag’s bescheiden:
seine Liebe sei mein Leben:
Freudiges Gefühl von beiden
Wird mir seine Nähe geben.
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
Wie
mit innigstem Behagen,
Lied,
empfind’ich deinen Sinn!
Liebevoll,
du scheinst zu sagen,
Dass
ich ihm zur Seite bin.
Dass
er ewig mein gedenket,
seiner
Liebe Seligkeit
immerdar
der fernen schenket,
die
ein Leben ihm geweiht.
Ja,
mein Herz, es ist der Spiegel,
Freund,
worin du dich erblickt;
Diese
Brust, wo deine Siegel
Kuss
auf Kuss herein gedrüct
Süsses
Dichten, lautre Wahrheit
Fesselt
mich in Sympathie!
Rein
verkörpert Liebesklarheit,
Im
Gewand der Poesie.
IN TAUSEND FORMEN MAGST DU DICH
VERSTECKEN
(from
„West-Östlicher Divan – Buch Suleika“)
In tausend Formen magst du dich verstecken,
Doch, Allerliebste, gleich erkenn ich dich:
Du magst mit Zaueberschleiern dich bedekken,
Allgegenwärt’ge, gleich erkenn ich dich.
ES WAR
EINE RATT' IM KELLERNEST (LIED DES BRANDERS)
(from
„Faust I“)
Es war eine Ratt' im Kellernest, Lebte nur von Fett und Butter, Hatt' sich ein Ränzlein angemäst't, Als wie der Doctor Luther. Die Köchin hatt' ihr Gift gestellt; Da ward's so eng' ihr in der Welt, Als hätt' sie Lieb im Leibe. Sie fuhr herum, sie fuhr heraus Und soff aus allen Pfützen, Zernagt', zerkratzt' das ganze Haus, Wollt' nichts ihr Wüten nützen; Sie tät gar manchen Ängstesprung, Bald hatt' das arme Tier genung Als hätt' sie Lieb im Leibe. Sie kam vor Angst am hellen Tag Der Küche zugelaufen, Fiel an den Herd und zuckt' und lag, Und tät erbärmlich schnaufen. Da lachte die Vergift'rin noch: Ha! sie pfeift auf dem letzten Loch, Als hätt' sie Lieb im Leibe.
ES WAR
EINMAL EIN KÖNIG (LIED DES MEPHISTOPHELES)
(from
„Faust I“)
Es war einmal ein König, Der hatt' einen großen Floh, Den liebt' er gar nicht wenig, Als wie seinen eig'nen Sohn. Da rief er seinen Schneider, Der Schneider kam heran; "Da, miß dem Junker Kleider Und miß ihm Hosen an!" In Sammet und in Seide War er nun angetan, Hatte Bänder auf dem Kleide, Hatt' auch ein Kreuz daran, Und war sogleich Minister, Und hatt einen großen Stern. Da wurden seine Geschwister Bei Hof auch große Herrn. Und Herrn und Frau'n am Hofe, Die waren sehr geplagt, Die Königin und die Zofe Gestochen und genagt, Und durften sie nicht knicken, Und weg sie jucken nicht. Wir knicken und ersticken Doch gleich, wenn einer sticht.
(from
„Faust I“- Gretchen vor dem Andachtsbild der Mater dolorosa)
Ach neige,
Du Schmerzenreiche,
Dein Antlitz gnädig
meiner Not!
Das Schwert im Herzen,
Mit tausend Schmerzen
Blickst auf zu deines
Sohnes Tod.
Zum Vater blickst du,
Und Seufzer schickst du
Hinauf um sein’ und deine
Not.
Wer fühlet,
Wie wühlet
Der Schmerz mir im
Gebein?
Was mein armes Herz hier
banget,
Was es zittert, was
verlanget,
Weißt nur du, nur du
allein!
Wohin ich immer gehe,
Wie weh’, wie weh’, wie
wehe
Wird mir im Busen hier!
Ich bin ach kaum alleine,
Ich wein’, ich wein’, ich
weine,
Das Herz zerbricht in
mir.
Die Scherben vor meinem
Fenster
Betaut ich mit Tränen,
ach!
Als ich am frühen Morgen
Dir diese Blumen brach.
Schien
hell in meine Kammer
Die
Sonne früh herauf,
Saß
ich in allem Jammer
In
meinem Bett schon auf.
Hilf!
Rette mich von Schmach und Tod!
Ach
neige,
Du
Schmerzenreiche,
Dein
Antlitz gnädig meiner Not!
|
PERDUTA HO LA PACE
(Meine Ruh’ ist hin, trad. Luigi
Balestri) (from „Faust I“) Perduta ho la pace, ho in cor mille guai; ah, no, più non spero trovarla più mai. M’è bui di tomba ov’egli non è; senz’esso un deserto è il mondo per me. Mio povero capo confuso travolto; oh misera, il senno, il senno m’è tolto! Perduta, ecc. S’io sto al finestrello, ho gli’occhi a lui solo; sol dietro a lui volo. Oh, il bel portamento; oh, il vago suo viso! Qual forza è nei sguardi, che dolce sorriso! E son le parole un magico rio; qual bacio, mio Dio! Perduta, ecc. Anela congiungersi al suo il mio petto; tenerlo e me stretto! Baciarlo potessi, far pago il desir! Baciarlo! E potessi baciata morir. |
From Faust (Gretchen
am Spinnrade, allein) Meine
Ruh’ ist hin, Mein
Herz ist schwer; Ich
finde sie nimmer Und
nimmermehr. Wo
ich ihn nicht hab’ Ist
mir das Grab, Die
ganze Welt Ist
mir vergällt. Mein
armer Kopf Ist
mir verrückt, Mein
armer Sinn Ist
mir zerstückt. Meine
Ruh’ ist hin, Mein
Herz ist schwer; Ich
finde sie nimmer Und
nimmermehr. Nach
ihm nur schau’ ich Zum
Fenster hinaus, Nach
ihm nur geh’ ich Aus
dem Haus. Sein
hoher Gang, Sein’
edle Gestalt, Seines
Mundes Lächlen, Seiner
Augen Gewalt, Und
seiner Rede Zauberfluss, Sein
Händedruck, Und
ach sein Kuss! Meine
Ruh’ ist hin, Mein
Herz ist schwer; Ich
finde sie nimmer Und
nimmermehr. Mein
Busen drängt sich Nach
ihm hin: Ach,
dürft’ ich fassen Und
halten ihn Und
küssen ihn So
wie ich wollt’, An
seinen Küssen Vergehen
sollt’! |
|
MOLITVA (Sieh’
mich Heilger trad. A. Pleshcheyev) O,
Bozhe moy! Vzglyani na greshnuyu menya; ya
muchus’, ya bol’na dushoy, izrїta skorb’yu
grud’moya. O,
moy tvorets, velik moy grekh, ya na zemle prestupney vsekh. Kipela v nyom mladaya krov’, bїla chista evo lyubov’, no on eyo v grudi svoyey tail tak sviato ot lyudey. Ya znala vsyo….O, Bozhe moy! Prosti mne greshnoy i bol’noy. Evo ya muki ponzala; ulїbkoy, vzorom lish’ odnim ya b istelit’ evo mogla, no
ya ne szhalilas’ nad nim. Tomilsya
dolgo, dolgo on, pechal’
yu tyazhkoy udruchen; I umer, bednїy nakonets, o, Bozhe moy, o mo Tvorets! Tron’sya greshnoyu mol’boy… Vzglyani, kak ya bol’na dushoy. |
From Erwin
und Elmire Sieh mich, Heil’ger, wie ich bin, Eine arme Sünderin. Angst und Kummer, Reu’ und Schmerz Quälen dieses arme Herz. Sieh mich vor dir unverstellt, Herr, die Schuldigste der Welt. Ach! es war ein junges Blut, War so lieb, er war so gut! Ach, so redlich liebt’ er mich! Ach, so heimlich quält’ er sich! Sieh mich, Heil’ger, wie ich bin, Eine arme Sünderin. Ich vernahm sein stummes Flehn, Und ich konnt’ ihn zehren sehn; Hielte mein Gefühl zurück, Gönnt’ ihm keinen holden Blick. Sieh mich von dir unverstellt, Herr, die Schuldigste der Welt. Ach, so drängt’ und quält’ ich ihn, Und nun ist der Arme hin; Schwebt in Kummer, Mangel, Not, Ist verloren, er ist tot! Sieh mich, Heilger, wie ich bin, Eine arme Sünderin. |
Wo die Rose hier blüht, wo Reben um Lorbeer sich schlingen, Wo das Turtelchen lockt, wo sich das Grillchen ergötzt, Welch ein Grab ist hier, das alle Götter mit Leben Schön bepflanzt und geziert? Es ist Anakreons Ruh. Frühling, Sommer, und Herbst genoß der glückliche Dichter; Vor dem Winter hat ihn endlichder Hügel geschützt.
‘
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