(Albert Theile nach Gabriela Mistral)
Er rührt mich an im Abendtau;
er blutet in den Sonnenuntergängen;
mit dem Mondstrahl sucht er
mich in allen Klüften.
Gleich Christus bei Thomas
senkt er meine bleiche Hand,
auf dass ich es nicht vergesse,
in seine nasse Wunde.
Ich wolle sterben, sagte ich ihm,
und er will es nicht.
In den Windstößen will er mich ertasten,
im Schneetreiben mich bedecken;
durch meine Träume geht er,
nahe vor meinem Gesicht,
er ruft mich im grünen
Tuch der Bäume.
Ob ich den Himmel gewechselt?
Ich ging ans Meer, in die Berge.
Er schritt neben mir,
war Gast, wo ich zu Gast war.
Denn du, achtlose Leichenwäscherin,
schlossest seine Lider nicht,
faltetest seine Hände im Sarge nicht, zum Beten!
(Albert Theile nach Gabriela Mistral)
Wenn du mich anblickst, werd’ ich schön,
schön wie das Riedgras unterm Tau.
Wenn ich zum Fluß hinuntersteige,
erkennt das hohe Schilf mein sel’ges
[Angesicht
nicht mehr.
Ich schäme mich des tristen Munds,
der Stimme, der zerriss’nen meiner rauhen Knie.
Jetzt, da du mich, herbeigeeilt, betrachtest
fand ich mich arm, fühlt’ ich mich bloß.
Am Wege trafst du keinen Stein,
der nackter wäre in der Morgenröte
als ich, die Frau, auf du deinen Blick
geworfen, als du sie singen hörtest.
Ich werde schweigen, keiner soll mein Glück
erschaun, der durch das Flachland schreitet,
den Glanz auf meiner plumpen Stirn nicht einer
sehen, das Zittern nicht von meiner Hand.
Dia Nacht ist da. Aufs Riedgras fällt der Tau.
Senk lange deinen Blick auf mich.
Umhüll mich zärtlich durch dein Wort.
Schon Morgen wird, wenn sie zum Fluß
Hinuntersteigt, die du geküsst, von Schönheit
[strahlen.
(Albert Theile nach Gabriela Mistral)
Senk jetzt, Christus, mir die
Lider,
leg mir Rauhreif auf den Mund.
Alle Stunden sind überzählig,
alle Worte gesagt.
Er sah mich an, wir blickten
uns beide an,
lange und schweigend, die
Pupillen starr
wie im Tode. Das weiße
Entsetzen,
das die Gesichter bleicht, die
dem Erloschen
nahe, schimmerte auf unserem
Antlitz.
Nach diesem Augenblick nichts
bleibt!
Erregt sprach er zu mir. Und
ich zu ihm
mit wirren Worten,
aufgebrochen,
zerrissen durch Überfülle,
Drangsal, Angst.
Ich sprach zu ihm von
Schicksal, seinem, meinem,
verhängnisvoll geknetet aus
Blut und Tränen.
Hernach ich weiß nichts bleibt!
Nichts! Der Duft der meine
Wange streift,
sich rasch verflüchtigt.
Taub mein Ohr, mein Mund
versiegelt.
Was hat für meine Augen Anrecht
noch
auf dieser bleichen Erde!
Nicht die blutende Rose,
nicht der verschwiegene Schnee!
So bitt’ ich, Christus, Dich,
zu dem aus Hungersängsten
ich nicht schrie: Halt’ meine
Pulse an;
senk endlich mir die Lider!
Schütze mir vor dem Sturmwind
das Fleisch,
darin seine Worte kreisten.
Befrei mir dies Bild vom harten Licht des nahen Tags.
Nimm mich auf, erfüllt wie ich
komme,
erfüllt wie die Erde, von der
Flut überspült.
(Werner Reinert)
I
wo ist der vater
wo ist die mutter
der vater weint im weißdornstrauch
die mutter weint im rotdornstrauch
der sommer ist fortgeflogen
mit seinen harten flügeln
mit seinen roten krallen
mit seinem schnabel aus licht
wir hatten kein netz
wir hatten kein wort
jetzt stehen die herzen kahl
unter den wolken
willst du reiten
ich sattle dir den morgen
willst du schwimmen
ich staue dir das licht
willst du wandern
ich schenke dir ein tal
darin ist der habicht
darin ist die taube
wie du die flügel liebst
die schlange ist gestorben
ihr auge ist ein stein
ihre haut ist eine rinde
ihr schwanz ist ein stock
wer wirft den stein in den brunnen
wer schält die rinde vom stamm
wer legt den stock in das feuer
geh du zum wasser
lauf du in den wald
ich suche die flamme
halte den stein an das ohr
er singt den tag und die nacht
halte den tag an das ohr
er singt die nacht
halte die nacht an das ohr
gib mir den apfel
ich gebe dir die feige
die feige ist saftig
die feige ist süß
gib mir das pferdchen
ich gebe dir die wolke
die wolke ist heiter
die wolke ist zart
mit meinem zeigefinger
zähle ich die nacht
mit meinem mittelfinger
locke ich den mond
mit meinem kleinen finger
hüte ich das schweigen
der ringfinger schließt alle gitter auf
um meinen daumen sammeln sich die zwerge
schlaf kind
die schlangen haben milch
an langen flüssen trinkt der sandmann
schlangen haben milch
an langen flüssen
schlaf kind
schlaf kind
schlangen
trinkt der sandmann
trink
schlaf
kind
(E.E.
Cummings)
the hours rise up putting off stars and it is
dawn
into the street of the sky light walks scattering
[poems
on earth a candle is
extinguished the
city
wakes
with a song upon her
mouth having death in her eyes
and it is dawn
the world
goes forth to murder dreams…
i see in the street where strong
men are digging bread
and i see the brutal faces of
people contented hideous hopeless cruel happy
and it is day,
in the mirror
i see a frail
man
dreaming
dreams
dreams in the mirror
and it
is dusk on
earth
a candle is lighted
and it is dark.
the people are in their houses
the frail man is in his bed
the city
sleeps with death upon her mouth having a song
[in her eyes
the hours descend,
putting on stars…
in the street of the sky night walks scattering
[poems