(Christian Friedrich Schubart)
Schlaf’
wohl du Himmelsknabe du,
Schlaf’
wohl du süßes Kind;
Dich
fächeln Engelein in Ruh,
Mit
sanftem Himmelswind.
Wir
arme Hirten singen dir
Ein
herzlich Wiegenliedlein für,
Schlafe,
Himmelskindlein, schlafe.
(Hermann von
Gilm, da “Letzte Blätter“)
Ja, du weißt es, teure Seele,
Daß ich fern von dir mich quäle,
Liebe macht die Herzen krank,
Habe Dank.
Einst hielt ich, der Freiheit Zecher,
Hoch den Amethysten-Becher,
Und du segnetest den Trank,
Habe Dank.
Und Beschworst darin die Bösen,
Bis ich, was ich nie gewesen,
Heilig, heilig an’s Herz dir sank,
Habe Dank!
(Hermann von Gilm, da “Letzte Blätter“)
Nennen soll ich, sagt ihr,
Meine Königin im Liederreich?
Toren, die ihr Seid, ich kenne
Sie am wenigsten von Euch.
Fragt mich nach der Augen Farbe,
Fragt mich nach der Stimme Ton,
Fragt nach Gang und Tanz und Haltung,
Ach, und was weiß ich davon!
Ist die Sonne nicht die Quelle
Alles Lebens, alles Lichts?
Und was wissen von derselben
Ich und ihr und alle? Nichts.
(Hermann von
Gilm, da “Letzte Blätter“)
Aus dem Walde tritt die Nacht,
Aus den Bäumen schleicht sie leise,
Schaut sich um in weitem Kreise,
Nun gib acht.
Alle lichter dieser Welt,
Alle Blumen, alle Farben
Löscht sie aus und stiehlt die Garben
Weg vom Feld.
Alles nimmt sie, was uns hold,
Nimmt das Silber weg des Stroms,
Nimmt vom Kupferdach des Doms
Weg das Gold.
Ausgeplündert steht der Strauch,
Rücke näher, Seel an Seele;
O die Nacht, mir bangt, sie stehle
Dich mir auch.
(Hermann von
Gilm, da “Letzte Blätter“)
Warum so spät erst, Georgine?
Das Rosenmärchen ist erzählt,
Und honigsatt hat sich die Biene
Ihr Bett zum Schlummer ausgewählt.
Sind nicht zu kalt dir diese Nächte?
Wie lebst du diese Tage hin?
Wenn ich dir jetzt den Frühling brächte,
Du feuergelbe Träumerin,
Wenn ich mit Maitau dich benetzte,
Begösse dich mit Junilicht,
Doch ach, dann wärst du nicht die letzte,
Die stolze Einzige auch nicht.
Wie, Träum’rin, lock ich vergebens?
So reich’mir schwesterlich die Hand,
Ich hab’ den Maitag dieses Lebens,
Wie du den Frühling nicht gekannt;
Und spät wie dir, du Feuergelbe,
Stahl sich die Liebe mir ins Herz;
Ob spät, ob früh, es ist dasselbe
Entzücken und derselbe Schmerz.
(Hermann von
Gilm, da “Letzte Blätter“)
Geduld, sagst du und zeigst mit weißem Finger
Auf meiner Zukunft fest geschlossne Tür.
Ist die Minute, die da lebt, geringer,
Als jene ungebornen? Sage mir!
Kannst mit der
Liebe du den Lenz verschieben,
Dann borg ich dir für eine Ewigkeit,
Doch mit dem Frühling endet auch das Lieben,
Und keine Herzensschulden zahlt die Zeit.
Geduld sagst du und senkst die schwarze Locke,
Und stündlich fallen Blumenblätter ab,
Und stündlich fordert eine Totenglocke
Der Träne letztes Fahrgeld für das Grab.
Sieh nur die Tage schnell vorüberrinnen,
Horch, wie sie mahnend klopfen an die Brust,
Mach auf, mach auf, was wir nicht heut gewinnen,
Ist morgen unersetzlicher Verlust.
Geduld sagst du und senkst die Augenlider,
Verneint ist meine Frage an das Glück;
So lebe wohl, ich seh dich nimmer wieder,
So will’s mein unerbittliches Geschick.
Du hast geglaubt, weil andre warten müssen,
und warten können, kann und muß ich’s auch;
Ich aber hab zum Lieben und zum Küssen
Nur einen Frühling, wie der Rosenstrauch.
(Hermann von
Gilm, da “Letzte Blätter“)
Ich habe wohl, es sei hier laut
Vor aller Welt verkündigt,
Gar vielen heimlich anvertraut,
Was du an mir gesündigt;
Ich sagt’s dem ganzen Blumenheer,
Dem Veilchen sagt’ich’s stille,
Der Rose laut und lauter
Der großäugigen Kamille.
Doch hat’s dabei doch keine Not,
Bleib munter nur und heiter;
Die es gewußt, sind alle tot
Und sagen’s nicht mehr weiter.
(Hermann von
Gilm, da “Letzte Blätter“)
Auf frischgemähtem Weideplatz
Steht einsam die Zeitlose,
Den Leib von einer Lilie,
Die Farb’ von einer Rose;
Doch es ist Gift, was aus dem Kelch,
Dem Reinen, blinkt so rötlich-
Die letzte Blum’, die letzte Lieb’
Sind beide schön, doch tödlich.
(Hermann von
Gilm, da “Letzte Blätter“)
Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten roten Astern trag herbei,
Und laß uns wieder von der Liebe reden,
Wie einst im Mai.
Gib mir die Hand, daß ich sie heimlich drücke,
Und wenn man’s sieht, mir ist es einerlei,
Gib mir nur einen deiner süßen Blicke,
Wie einst im Mai.
Es blüht und duftet heut auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahr ist ja den Toten frei,
Komm an mein Herz, daß ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.
(Michelangelo trad. Sophie Hasenclever)
Ins Joch beug’ ich den Nacken demutvoll,
Beug’ lächelnd vor dem Mißgeschick dies Haupt,
Dies Herz, das liebt und glaubt,
Vor meiner Feindin.
Wider diese Qual bäum’ich mich nicht mit Groll.
Mir bangt vielmehr, sie lind’re sich einmal.
Wenn deines Auges Strahl
Dies Leid verwandelt hat in Lebenssaft,
Welch’ Leid hat
dann zu töten mich die Kraft.
(Adolf
Friedrich Graf Von Schack)
Mit Regen und Sturmgebrause
Sei mir willkommen, Dezembermond,
Und führ’mich den Weg zum Traulichen Hause,
Wo meine geliebte Herrin wohnt.
Nie hab’ich die Blüte des Maien,
Den blauenden Himmel, den blitzenden Tau
So fröhlich gegrüßt, wie heute dein Schneien,
Dein Nebelgebräu und Wolkengrau;
Denn durch das Flockengetriebe,
Schöner als jeder Lenz gelacht,
Leuchtet und blüht der Frühling der Liebe
Mir heimlich nun in der Winternacht.
(Adolf Friedrich
Graf Von Schack)
O schmäht des Lebens Leiden nicht!
Sehr ihr die Blätter, wenn sie sterben,
Sich in des Herbstes goldenem Licht
Nicht reicher, als im Frühling färben?
Was gleicht der Blühte des Vergehens
Im Hauche des Oktoberwehens?
Kristallner als die klarste Flut
Erglänzt des Auges Tränenquelle,
Tief dunkler flammt die Abendglut,
Als hoch am Tag die Sonnenhelle,
Und kleiner küßt so heißen Kuß,
Als wer für ewig scheiden muß.
(Adolf
Friedrich Graf Von Schack)
Dem Herzen ähnlich, wenn es lang
Umsonst nach einer Träne rang,
Die seine Qual entbinde,
Sprengt nun die Erde, die erstarrt
Von Reif und Frost gebunden ward,
Die eis’ge Winterrinde.
Durch Wald und Feld, um Berg und See
Sprießt wuchernd auf ihr altes Weh’
Und grünt in Zweig und Ranken
Und dunkelt in dem Himmelsblau
Und zittert in der Tropfen Tau,
Die an den Gräsern schwanken.
Nun, Gram um sie, die ich verlor,
Erstarrter, brich auch du hervor,
Um mit dem Strom zu fluten.
Im Blitz der Wolke sollst du glüh’n
Und mit den Nachtviolen blüh’n
Und mit den Rosen bluten.
(Adolf
Friedrich Graf Von Schack)
Leiser schwanken die Äste,
Der Kahn flieht uferwärts,
Heim kehrt die Taube zum Neste,
Zu dir kehrt heim mein Herz.
Genug am schimmernden Tage,
Wenn rings das Leben lärmt,
Mit irrem Flügelschlage
Ist es in’s Weite geschwärmt.
Doch nun die Sonne geschieden,
Und Stille sich senkt auf den Hain,
Fühlt es: bei dir ist der Frieden,
Die Ruh’ bei dir
allein.
SEITDEM DEIN
AUG’ IN MEINES SCHAUTE
(Adolf Friedrich Graf Von Schack)
Seitdem dein Aug’ in meines
schaute
Und Liebe, wie vom Himmel her,
Aus ihm auf mich
herniedertaute,
Was böte mir die Erde mehr?
Ihr Bestes hat sie mir gegeben,
Und von des Herzens stillem
Glück
Ward übervoll mein ganzes Leben
Durch jenen einen Augenblick.
(Adolf Friedrich Graf Von Schack)
Du fragst mich Mädchen, was
flüsternd der West
Vertraue den Blütenglocken?
Warum von Zweige zu Zweig im
Geäst
Die zwitschernden Vögel locken?
Warum an Knospe die Knospe sich
schmiegt,
Und Wellen mit Wellen
zerfließen,
Und dem Mondstrahl, der auf den
Kelchen sich wiegt,
Die Violen der Nacht sich
erschließen?
O törichtes Fragen! Wem wissen
frommt,
Nicht kann ihm die Antwort
fehlen;
Drum warte, mein Kind, bis die
Liebe kommt,
Die wird dir alles erzählen.
AUS DEN
LIEDERN DER TRAUER (n.2)
(Adolf Friedrich Graf Von Schack)
Von dunklem Schleier umsponnen
Ist mir das Tageslicht,
Wohl steigen neue Sonnen,
Ich seh’ sie nicht.
Mir schweift der Blick hinüber
In Weiten, dämmerfern;
Vom Himmel blinkt ein trüber,
Einsamer Stern.
Ein Mädchen, bleich von Wangen,
Winkt mir von drüben zu:
Ich bin vorangegangen,
Was zögerst du?
(Adolf Friedrich Graf Von Schack)
Laß das Zagen, trage mutig
Deine Sorgen, deine Qual,
Sei die Wunde noch so blutig,
Heilen wird sie doch einmal.
Unter tiefer Eisesdecke
Träumt die junge Knospe schon,
Daß der Frühling sie erwecke
Mit der Liebe holdem Ton.
Nur empor den Blick gewendet,
Und durch düst’res Wolkengrau
Brich zuletzt, daß es dich
blendet,
Glorreich noch des Himmels
Blau.
Aber auch die trüben Stunden
Und die Tränen, die du weinst,
Glaub’, wie Freuden, die
entschwundenm
Süßer scheinen sie dir einst.
Und mit Wehmut, halb nur
heiter,
Scheidest du für immerdar
Von dem Leiden, dem Begleiter,
Der so lange treu dir war.
(Adolf Friedrich Graf Von Schack)
Um der fallenden Ruder Spitzen
Zittert und leuchtet ein
schimmernder Glanz,
Flieht bei jedem Schlage mit
Blitzen
Hin von Wellen zu Wellen im
Tanz.
Mir in Busen von Liebeswonnen
Zittert und leuchtet das Herz
wie die Flut,
Jubelt hinauf zu den Sternen
und Sonnen,
Bebt zu vergeh’n in der
wogenden Glut.
Schon auf dem Felsen durchs
Grün der Platane
Seh’ ich das säulengetragene
Dach,
Und das flimmernde Licht am
Altane
Kündet mir, daß die Geliebte
noch wach.
Fliege, mein Kahn, und birg uns
verschwiegen,
Birg uns, selige Nacht des
August;
Süß wohl ist’s, auf den Wellen
sich wiegen,
Aber
süßer an ihrer Brust
(Adolf Friedrich Graf Von Schack)
Mach auf, mach auf, doch leise,
mein Kind,
Um keinen vom Schlummer zu
wecken.
Kaum murmelt der Bach, kaum
zittert im Wind
Ein Blatt an den Büschen und
Hecken.
Drum leise, mein Mädchen, daß
nichts sich regt,
Nur leise die Hand auf die
Klinke gelegt.
Mit Tritten, wie Tritte der
Elfen so sacht,
Um über die Blumen zu hüpfen,
Flieg leicht hinaus in die
Mondscheinnacht,
Zu mir in den Garten zu
schlüpfen.
Rings schlummern die Blüten am
rieselnden Bach
Und duften im Schlaf, nur die
Liebe ist wach.
Sitz nieder, hier dämmert’s
geheimnisvoll
Unter den Lindenbäumen,
Die Nachtigall uns zu Häupten
soll
Von unseren Küssen träumen,
Und die Rose, wenn sie am
Morgen erwacht,
Hoch glühn von den
Wonnenschauern der Nacht.
WOZU NOCH, MÄDCHEN, SOLL ES FROMMEN
(Adolf Friedrich Graf Von Schack)
Wozu
noch, Mädchen, soll es frommen,
Daß du
vor mir Verstellung übst?
Heiß’
froh das neue Glück willkommen
Und
sag’ es offen, daß du liebst!
An
deines Busens höherm Schwellen,
Dem
Wangenrot, das kommt und geht,
Ward
dein Geheimnis von den Quellen,
Den
Blumengeistern längst erspäht;
Die
Wogen murmeln’s in den Grotten,
Es
flüstert’s leis der Abendwind,
Wo du
vorbeigehst, hörst du’s spotten:
Wir
wissen es seit langem, Kind!
BREIT‘ ÜBER MEIN HAUPT
DEIN SCHWARZES HAAR
(Adolf Friedrich Graf Von Schack aus „Lotosblätter“)
Breit’
über mein Haupt dein schwarzes Haar,
Neig
zu mir dein Angesicht,
Da
strömt in die Seele so hell und klar
Mir
deiner Augen Licht.
Ich
will nicht droben der Sonne Pracht,
Noch
der Sterne leuchtenden Kranz,
Ich
will nur deiner Locken Nacht
Und
deiner Blicke Glanz.
SCHÖN SIND, DOCH KALT
DIE HIMMELSSTERNE
(Adolf Friedrich Graf Von Schack aus „Lotosblätter“)
Schön
sind, doch kalt die Himmelssterne,
Die
Gaben karg, die sie verleih’n;
Für
einen deiner Blicke gerne
Hin
geb’ ich ihren goldnen Schein.
Getrennt,
so daß wir ewig darben,
Nur
führen sie im Jahreslauf
Den
Herbst mit seinen Ährengarben,
Des
Frühlings Blütenpracht herauf;
Doch
deine Augen, o, der Segen
Des
ganzen Jahres quillt überreicht
Aus
ihnen stets als milder Regen,
Die
Blüte und Frucht zugleich.
WIE SOLLTEN WIR GEHEIM SIE HALTEN
(Adolf Friedrich Graf Von Schack aus „Lotosblätter“)
Wie
sollten wir geheim sie halten,
Die
Seligkeit, die uns erfüllt?
Nein,
bis in seine tiefsten Falten
Sei
allen unser Herz enthüllt!
Wenn
zwei in Liebe sich gefunden,
Geht
Jubel hin durch die Natur,
In längern
wonnevollen Stunden
Legt
sich der Taug auf Wald und Flur.
Selbst
aus der Eiche morschen Stamme,
Die
ein Jahrtausend überlebt,
Steigt
neu des Wipfels grüne Flamme
Und
rauscht von Jugendlust durchbebt.
Zu
höherm Glanz und Düfte brechen
Die
Knospen auf beim Glück der Zwei,
Und
süßer rauscht es in den Bächen,
Und
reicher blüht und glänzt der Mai.
Wie
sollten wir geheim sie halten...usw.
(Adolf Friedrich Graf Von Schack aus „Lotosblätter“)
Hoffen
und wieder verzagen,
Harrend
lauschen an ihrem Balkon,
Ob
nicht, vom Winde getragen,
Zu mir
dringe von ihr ein Ton,
Also
reih’n seit Monden schon
Tage
sich mir zu Tagen.
Spät,
wenn stumm und stummer
Nacht
sich lagert im öden Revier
Senken
zu kurzem Schlummer
Sich
ermüdet die Wimpern mir;
Wieder
empor aus Träumen von ihr,
Fahr’
ich zu neuem Kummer.
Aber,
o Himmel, ich flehe:
Raube
mir nicht mein teuerstes Glut,
Dies
beglückende Wehe,
Das
ich gemährt mit des Herzens Blut;
Hoch
und höher laß lodern die Glut,
Drin
ich selig vergehe.
MEIN HERZ IST STUMM,
MEIN HERZ IST KALT
(Adolf Friedrich Graf Von Schack aus „Lotosblätter“)
Mein
Herz ist stumm, mein Herz ist kalt,
Erstarrt
in des Winters Eise;
Bisweilen
in seiner Tiefe nur
Wallt
und zittert und regt sich’s leise.
Dann
ist’s, als ob ein mildes Taun
Die
Decke des Frostes breche;
Durch
grünende Wälder, blühende Aun
Murmeln
von neuem die Bäche.
Und Hörnerklang,
von Blatt zu Blatt
Vom
Frühlingswinde getragen,
Dringt
aus den Schluchten ans Ohr mir matt,
Wie ein Ruf aus seligen Tagen.
Doch das alternde Herz wird
jung nicht mehr,
Das Echo sterbenden Schalls
Tönt ferner, immer ferner her,
Und wieder erstarrt liegt
alles.
(Felix Dahn)
All mein Gedanken, mein Herz
und mein Sinn,
da, wo die Liebste ist, wandern
sie hin.
Gehen ihres Weges trotz Mauer
und Tor,
da hält ein Riegel, kein Graben
nicht vor,
gehn wie die Vögelein hoch
durch die Luft,
brauchen kein Brücken über
Wasser und Kluft,
finden das Städtlein und finden
das Haus,
finden ihr Fenster aus allen
heraus.
Und klopfen und rufen:
Mach auf, laß uns ein,
wir kommen vom Liebsten
grüßen dich fein,
mach auf, mach auf, laß uns
ein.
(Felix Dahn)
Du meines Herzens Krönelein,
Du bist von lautrem Golde,
Wenn anderen daneben sein,
Dann bist du noch viel holde.
Die andern tun so gern
gescheit,
Du bist gar sanft und stille,
Daß jedes Herz sich dein
erfreut,
Dein Glück ist’s, nicht dein
Wille.
Die andern suchen Lieb und
Gunst
Mit tausend falschen Worten,
Du ohne Mund und Augenkunst
Bist wert an allen Orten.
Du bist als wie die Ros’ im
Wald,
Sie weiß nichts von ihrer
Blüte,
Doch jedem, der vorüberwallt,
Erfreut sie das Gemüte.
ACH LIEB, ICH
MUß NUN SCHEIDEN
(Felix Dahn)
Ach Lieb, ich muß nun scheiden,
Gehn über Berg und Tal,
Die Erlen und die Weiden,
Die weinen allzumal.
Sie sahn so oft uns wandern
Zusammen an Bachesrand,
Das eine ohn den andern,
Geht über ihren Verstand.
ACH WEH MIR
UNGLÜCKHAFTEM MANN
(Felix Dahn)
Ach weh mir unglückhaftem Mann,
Daß ich Geld und Gut nicht
habe,
Sonst spann’t ich gleich vier
Schimmel an
Und führ’ zu dir im Trabe.
Ich putzte sie mit Schellen
aus,
Daß du mich hört’st von weitem,
Ich steckt’ ein’n großen
Rosenstrauß
An meine linke Seite.
Und käm’ich an dein kleines
Haus,
Tät’ ich mit der Peitsche
schlagen,
Da gucktest du zum Fenster
‘naus:
Was willst du? Tät’st du
fragen.
Was soll der große Rosenstrauß,
Die Schimmel an dem Wagen?
Dich will ich, rief ich, komm
heraus!
Da tät’st du nimmer fragen.
Nun, Vater, Mutter, seht sie an
Und küßt sie rasch zum
scheiden,
Weil ich nicht lange warten
kann,
Meine Schimmel woll’ns nicht
leiden.
Ach wer mir unglückhaftem Mann,
Daß ich Geld und Gut nicht
habe.
DIE
FRAUEN SIND OFT FROMM
UND STILL
(Felix Dahn)
Die Frauen sind oft fromm und
still,
Wo wir ungebärdig toben,
Un wenn sich eine stärken will,
Dann blickt sie stumm nach
oben.
Ihr’ Kraft und Stärke ist
gering,
Ein Lüftchen kann sie knicken,
Doch ist’s ein eignes, starkes
Ding,
Wenn sie gen Himmel blicken.
Oft hab’ich selbst mit
aufgesehn,
Sah die Mutter so nach oben,
Ich sah nur graue Wolken gehn
Und blaue Luft da droben,
Sie aber, wenn sie nieder sah,
War voller Kraft und Hoffen,
Mir ist, die Frauen hie und da
Sehn noch den Himmel offen.
(Felix Dahn)
Kornblumen nenn ich die
Gestalten,
Die milden mit den blauen
Augen,
Die, anspruchslos in stillem
Walten,
Den Tau des Friedens, den sie
saugen
Aus ihren eigenen klaren
Seelen,
Mittteilen allem, dem sie
nahen,
Bewußtlos der Gefühlsjuwelen,
Die sie von Himmelshand
empfahn.
Dir wird so wohl in ihrer Nähe,
Als gingst du durch ein
Saatgefilde,
Durch das der Hauch des Abends
wehe,
Voll frommen Friedens und voll
Milde.
(Felix Dahn)
Mohnblumen sind die runden,
Rotblutigen gesunden,
Die sommersproßgebraunten
Die immer froh gelaunten,
Kreuzbraven, kreuzfidelen,
Tanznimmermüden Seelen;
Die unter’m Lachen weinen
Und nur geboren scheinen,
Die Kornblumen zu necken,
Und dennoch oft verstecken
Die weichsten, besten Herzen,
In Schlinggewächs von Scherzen;
Die man, weiß Gott, mit Küssen
Ersticken würde müssen,
Wär’ man nicht immer bange,
Unarmest du die Range,
Sie springt ein voller Brander
Aufflammend auseinander.
(Felix Dahn)
Aber Epheu nenn’ ich jene
Mädchen
Mit den sanften Worten,
Mit dem Haar, dem schlichten,
hellen
Um den leis’ gewölbten Brau’n,
Mit den braunen seelenvollen
Rehenaugen,
Die in Tränen steh’n so oft,
In ihren Tränen gerade sind
unwiderstehlich;
Ohne Kraft und Selbstgefühl,
Schmucklos mit verborg’ner
Blüte,
Doch mit unerschöpflich tiefer
Trauer inniger Empfindung
Können sie mit eigner
Triebkraft
Nie sich heben aus den Wurzeln,
Sind geboren, sich zu ranken
Liebend um ein ander Leben:
An der ersten Lieb’ umrankung
Hängt ihr ganzes
Lebensschicksal,
Denn sie zählen zu den seltenen
Blumen,
Die nur einmal blühen.
(Felix Dahn)
Kennst du die Blume, die
märchenhafte,
Sagengefeierte Wasserrose?
Sie wiegt auf ätherischem,
schlanken Schafte
Das durchsicht’ge Haupt, das
farbenlose,
Sie blüht auf schilfigem Teich
im Haine,
Gehütet vom Schwan, der
umkreiset sie einsam,
Sie erschließt sich nur dem
Mondenscheine,
Mit dem ihr der silberne
Schimmer gemeinsam:
So blüht sie, die zaub’rische
Schwester der Sterne,
Umschwärmt von der träumerisch
dunklen Phaläne,
Die am Rande des Teichs sich
sehnet von ferne,
Und sie nimmer erreicht, wie
sehr sie sich sehne,
Wasserrose, so nenn’ ich die
schlanke,
Nachtlock’ge Maid, alabastern
von Wangen
In dem Auge der ahnende tiefe
Gedanke,
Als sei sie ein Geist und auf
Erden gefangen.
Wenn sie spricht, ist’s wie
silbernes
Wogenrauschen,
Wenn sie schweigt, ist’s die
ahnende Stille der
Mondnacht;
Sie scheint mit den Sternen
Blicke zu tauschen,
Deren Sprache die gleiche Natur
sie gewohnt macht;
Du kannst nie ermüden, in’s
Aug’ ihr zu schau’n,
Das die seidne, lange Wimper
umsäumt hat,
Und du glaubst, wie bezaubernd
von seligem Grau’n,
Was je die Romantik von Elfen
geträumt hat.
(Nikolaus Lenau)
O
wärst du mein, es wär ein schön’res Leben;
So
aber ist’s entsagen nur und trauern,
Nur
ein verlornes Grollen und bedauern.
Ich
kann es meinem Schicksal nicht vergeben.
Undank
tut wohl und jedes Leid der Erde,
Ja!
Meine Freud’ in Särgen, Leich’ an Leiche,
Sind
ein gelinder Gram, wenn ich’s vergleiche
Dem
Schmerz, dass ich dich nie besitzen werde.
(Nikolaus Lenau)
Frühlingskinder
im bunten Gedränge,
Flatternde
Blütende, duftende Hauche,
Schmachtende,
jubelnde Liebesgesänge,
Stürzen
ans Herz mir aus jedem Strauche.
Frühlingskinder
mein Herz umschwärmen,
Flüstern
hinein mit schmeichelnden Worten,
Rufen
hinein mit trunkenem Lärmen,
Rütteln
an längst verschlossenen Pforten.
Frühlingskinder,
mein Herz umringend,
Was
doch sucht ihr darin so dringend?
Hab
ich’s verraten euch jüngst im Traume,
Schlummernd
unterm Blütenbaume,
Brachten
euch Morgenwinde die Sage,
Daß
ich im Herzen eingeschlossen
Euren
lieblichen Spielgenossen,
Heimlich
und selig ihr Bildnis trage?
(Karl Henckell)
Nicht ein Lüftchen regt sich
leise,
Sanft entschlummert ruht der
Hain;
Durch der Blätter dunkle Hülle
Stiehlt sich lichter
Sonnenschein.
Ruhe, ruhe, meine Seele,
Deine Stürme gingen wild,
Hast getont und hast gezittert,
Wie die Brandung, wenn sie
schwillt.
Diese Zeiten sind gewaltig,
Bringen Herz und Hirn in Not -
Ruhe, ruhe, meine Seele,
Und vergiß, was dich bedroht!
(John Henry Mackay)
Auf, hebe die funkelnde Schale
empor zum Mund,
Und trinke beim Freudenmahle
dein Herz gesund.
Und wenn du sie hebst, so winke
mir heimlich zu,
Dann lächle ich und dann trinke
ich still wie du...
Und still gleich mir betrachte
um uns das Heer
der trunknen Schwätzer -
verachte sie nicht zu sehr.
Nein, hebe die blinkende
Schale, gefüllt mit Wein,
Und laß beim lärmenden Mahle
sie glücklich sein.
Doch hast du das Mahl genossen,
den Durst gestillt,
Dann verlasse der lauten
Genossen festfreudiges Bild,
Und wandle hinaus in den Garten
zum Rosenstrauch,
Dort will ich dich dann
erwarten nach altem Brauch,
Und will an die Brust dir
sinken, eh’ du’s gehofft,
Und deine Küsse trinken, wie ehmals
oft,
Und flechten in deine Haare der
Rosen Pracht.
O komm, du wunderbare, ersehnte
Nacht!
(John Henry Mackay)
Und morgen wird die Sonne
wieder scheinen
Und auf dem Wege, den ich gehen
werde,
Wird uns, die Glücklichen, sie
wieder einen
Inmitten dieser sonnenatmenden
Erde...
Und zu dem Strand, dem weiten,
wogenblauen,
Werden wir still und langsam
niedersteigen,
Stumm werden wir uns in die
Augen schauen,
Und auf uns sinkt des Glückes
stummes Schweigen...
(Heinrich Hart)
Wenn du es wüßtest,
Was träumen heißt von
brennenden Küssen,
Von Wandern und Ruhen mit der
Geliebten,
Aug in Auge,
Und kosend und plaudernd,
Wenn du es wüßtest,
Du neigtest dein Herz!
Wenn du es wüßtest,
Was bangen heißt in einsamen
Nächten,
Umschauert vom Sturm, da
niemand tröstet
Milden Mundes die kampfmüde
Seele,
Wenn du es wüßtest,
Du kämest zu mir.
Wenn du es wüßtest,
Was leben heißt, umhaucht von
der Gottheit
Weltschaffendem Atem,
Zu schweben empor,
lichtgetragen,
Zu seligen Höhn,
Wenn du es wüßtest,
Du lebtest mit mir!
(Otto Julius
Bierbaum)
Weite Wiesen im Dämmergrau;
Die Sonne verglomm, die Sterne ziehn,
Nun geh ich hin zu der schönen Frau,
Weit über Wiesen im Dämmergrau,
Tief in den Busch von Jasmin.
Durch Dämmergrau in der Liebe Land;
Ich gehe nicht schnell, ich eile nicht;
Mich zieht ein weiches samtenes Band
Durch Dämmergrau in der Liebe Land,
In ein blaues mildes Licht.
(Otto Julius
Bierbaum)
Wir gingen durch die stille milde Nacht,
Dein Arm in meinem, dein Augen in meinem.
Der Mond goß silbernes Licht über dein Angesicht,
Wie auf Goldgrund
ruhte dein schönes Haupt.
Und du erschienst mir wie eine Heilige,
Mild, mild und groß und seelenübervoll,
Heilig und rein wie die liebe Sonne.
Und in die Augen schwoll mir ein warmer Drang,
Wie Tränenahnung.
Fester faßt’ ich dich und küßte, küßte dich
ganz leise.
Meine Seele weinte.
(Otto Julius
Bierbaum)
Über Wiesen und Felder ein
Knabe ging,
Kling klang, schlug ihm das
Herz;
Es glänzt ihm an Finger von
Golde ein Ring.
Kling klang, schlug ihm das
Herz;
O Wiesen, o Felder, wie seid
ihr schön!
O Berge, o Täler, wie schön!
Wie bist du gut, wie bist du
schön,
Du gold’ne Sonne in
Himmelshöhn!
Kling klang, kling klang, kling
klang,
schlug ihm das Herz.
Schnell eilte der Knabe mit
fröhlichem Schritt,
Kling klang, schlug ihm das
Herz.
Nahm manche lachende Blume mit
-
Kling klang, schlug ihm das
Herz.
Über Wiesen und Felder weht
Frühlingswind,
Über Berge und Wälder weht
Frühlingswind,
Der treibt zu dir mich leise,
lind,
Kling klang, schlug ihm das
Herz.
Zwischen Wiesen und Felder ein
Mädel stand,
Kling klang, schlug ihm das
Herz.
Hielt über die Augen zum
Schauen die Hand,
Kling klang, schlug ihm das
Herz.
Über Wiesen und Felder, über
Berge und Wälder,
Zu mir, zu mir, schnell kommt
er her,
O wenn er bei mir nur, bei mir
schon wär!
Kling klang, kling klang, kling
klang,
schlug ihr das Herz.
(Carl Busse)
Ein
blauer Sommer glanz- und glutenschwer
Geht
über Wiesen, Felder, Gärten her.
Die
Sonnenkrone glüht auf seinen Locken,
Sein
warmer Atem läutet Blütenglocken.
Ein
goldnes Band umzieht die blaue Stirne,
Schwer
aus den Zweigen fällt die reife Frucht
Und
Sens’ und Sichel blitzt auf Flur und Feld,
Und
rot von Rosen ist die ganze Welt.
(Carl Busse)
Und
wärst du mein Weib und wärst du mein Lieb,
Wie
wollt’ ich dich jauchzend umschlingen,
Ich
wüßte ja nicht, wo das Herz mir blieb
Vor
lauter seligem Klingen.
Ich
flög’ in den nächtigen Himmel hinein
Den
funkelnsten Stern zu trennen,
Das wär’
der leuchtende Demantstein,
Der
soll’t im Haar dir brennen.
Nach
Persien flög’ ich hinein in’s Land,
Wo
Schiras Rosen sich wiegen,
Wo
rosen gäben das Kronenband,
Das
sollt’ die Locken dir umschmiegen.
Ich
stieg hernieder in’s tiefste Meer
Und
brächte dir rote Korallen
Und
meine Lieder, die wären ein Heer
Lenztrunkner
Nachtigallen.
Die
sollten um dich ihre Reigen ziehn,
Bis
die Sehnsucht dich triebe zu mir,
Gewiegt,
umklungen von Melodien
Von
junger, jauchzender Liebe.
(Carl Busse)
Bleiche
Blüte, Blüte der Liebe,
Leuchte
über dem Laubendach,
Ruf’
in klopfenden Mädchenherzen
Blüte
der Liebe die Sehnsucht wach.
Deiner
Kelche verstömender Atem zittert,
Verzittert
so schwer und so stark,
Schwül
von deinen duftenden Kronen
Weht
der Nachtwind über den Park.
In der
Laube lauschen zwei Augen,
Zögert
und zagt ein Mädchenmund,
Sorge
dich nicht und laß dich küssen,
Sieh’
nur Sträucher raunen im Rund.
Und es
ruft dir im pochenden Herzen
Weißer
Jasmin die Seele wach.
Weiße
Blüte, Blüte der Liebe,
Leuchte
über dem Laubendach!
(Richard Dehmel)
Der Abend
graut, Herbstfeuer brennen.
Über
den Stoppeln geht der Rauch entzwei.
Kaum
ist mein Weg noch zu erkennen.
Bald
kommt die Nacht; ich muß mich trennen.
Ein
Käfer surrt an meinem Ohr vorbei
(Karl Henckell)
Ich trage meine Minne vor Wonne
stumm
Im Herzen und in Sinne mit mir
herum.
Ja, daß ich dich gefunden, du
liebes Kind,
Das freut mich alle Tage, die
mir beschieden sind.
Und ob auch der Himmel trübe,
kohlschwarz die Nacht,
Hell leuchtet meiner Liebe
goldsonnige Pracht.
Und liegt auch die Welt in
Sünden, so tut mir’s weh,
Die arge muß erblinden vor
deiner Unschuld Schnee.
(Detlev von Liliencron)
Ich ging den Weg entlang, der
einsam lag,
Den stets allein ich gehe,
jeden Tag.
Die Heide schweigt, das Feld
ist menschenleer,
Der
Wind nur webt im Knickbusch vor mir her.
Weit liegt vor mir die Straße
ausgedehnt,
Es hat mein Herz nur dich
ersehnt.
Und kämest du, ein Wunder wär’s
für mich,
Ich neigte mich vor dir: Ich
liebe dich.
Und im Begegnen nur ein einzger
Blick,
Des ganzen Lebens wär es mein
Geschick.
Und richtest du dein Auge kalt
auf mich,
Ich trotze, Mädchen, dir: Ich
liebe dich!
Doch wenn dein schönes Auge
grüßt und lacht,
Wie eine Sonne mir in schwerer
Nacht,
Ich zöge rasch dein süßes Herz
an mich
Und flüstre leise dir: Ich
liebe dich.
(Karl Henckell)
Heil jenem Tag, der dich
geboren,
Heil ihm, da ich zuerst dich
sah!
In deiner Augen Glanz verloren
Steh ich, ein selger Träumer,
da.
Mir scheint der Himmel
aufzugehn,
Den ich von ferne nur geahnt,
Und eine Sonne darf ich sehn,
Daran die Sehnsucht nur
gemahnt.
Wie schön mein Bild in diesem
Blicke!
In diesem Blick mein Glück wie
groß!
Und flehend ruf ich zum
Geschicke:
O weile, weile, wandellos!
(Karl Henckell)
O süßer Mai, o habe du
Erbarmen,
O süßer Mai, dich fleh’ ich
glühend an:
An deiner Brust seh’ ich die
Flur erwarmen,
Und alles schwillt, was lebt in
deinem Bahn;
Der du so mild und huldvoll
ohne Ende,
O lieber Mai, gewähre mir die
Spende!
Der düst’re Pilger, der in
diesem Gau’n
Entrann dem Eishauch
winterlicher Zeit,
Erkor in Mädchen, mild wie du
zu schaun,
Lenzfrisch gleich dir in
keuscher Herrlichkeit.
Daß wir uns lieben und in Lieb’
unarmen,
Erbarmen, Mai, holdeseligster,
Erbarmen!
(aus „Des Knaben Wunderhorn)
Der Mondschein, der ist schon
verblichen,
Die finst’re Nacht ist
hingeschlichen;
Steh’ auf du edle Morgenröt’,
Zu dir
all mein Vertrauen steht
Phöbus, ihr Vorbot’
wohlgeziert,
Hat schon den Wagen
angeschirrt,
Die Sonnenross’ sind
vorgespannt,
Zügel ruht in seiner Hand.
Ihr Vorbot’, der Don Lucifer,
Schwebt allbereits am Himmel
her,
Er hat die Wolken
aufgeschlossen,
Die Erd’ mit seinem Tau
begossen.
O fahrt vor ihr Schlafkämmerlein,
Weckt leis die süße Liebste
mein,
Verkündet ihr, was ich euch
sag’,
Mein Dienst, mein Gruß, ein’
guten Tag.
Doch müßt ihr sie fein züchtig
wecken,
Dabei meine heimliche Lieb’
entdecken,
Sollt sagen, wie ihr Diener
wacht
So kummervoll die ganze Nacht.
Schaut für mich an die gelben
Haar’,
Ihr Hälslein blank, ihr Äuglein
klar;
Küßt ihr für mich den roten
Mund,
Und wenn sie’s leid’t, die Brüstlein rund.
(Friedrich Gottlieb Klopstock)
Im Frühlingsschatten fand ich sie,
Da band ich sie mit
Rosenbändern:
Sie fühlt es nicht und
schlummerte.
Ich sah sie an; mein Leben hing
Mit diesem Blick an ihrem
Leben:
Ich fühlt’ es wohl und wußt’ es
nicht.
Doch lispelt ich ihr sprachlos
zu
Und rauschte mit den
Rosenbändern:
Da wachte sie vom Schlummer
auf.
Sie sah mich an; ihr Leben hing
Mit diesem Blick an meinem
Leben:
Und um uns ward’s Elysium.
(aus „Des Knaben Wunderhorn“)
Das Mägdlein will ein’ Freier
hab’n,
Und sollt sie’n aus der Erde
grabn,
Für funfzehn Pfennige.
Sie grub wohl ein, sie grub
wohl aus
Und grub nur einen Schreiber
aus
Für funfzehn Pfennige.
Der Schreiber hatt, des Gelds
zu viel,
Er kauft dem Mädchen, was sie
will,
Für funfzehn Pfennige.
Er kauft ihr einen Gürtel
schmal,
Der starrt von Gold wohl über
all,
Für funfzehn Pfennige.
Er kauft ihr einen breiten Hut,
Der wär’ wohl für die Sonne
gut,
Für funfzehn Pfennige.
Wohl für fie Sonn’, wohl für
den Wind,
Bleib du bei mir, mein liebes
Kind
Für funfzehn Pfennige.
Bleibst du bei mir, bleib ich
bei dir,
All meine Güter schenk’ ich
dir,
Sind funfzehn Pfennige.
Behalt dein Gut, lass mir mein
Mut,
Kein’ andre doch dich nehmen
tut
Für funfzehn Pfennige.
Dein’ guten Mut, den mag ich
nicht,
Hast traun von treuer Liebe
nicht
Für funfzehn Pfennige.
Dein Herz ist wie ein
Taubenhaus,
Geh’t einer ‘nein, der andre
aus
Für
funfzehn Pfennige.
HAT GESAGT – BLEIBT’S
NICHT DABEI
(aus „Des Knaben Wunderhorn)
Mein Vater hat gesagt,
Ich soll das Kindlein wiegen,
Er will mir auf den Abend
Drei Gaggeleier sieden;
Siedt er mir drei,
isst er mir zwei,
Und ich mag nicht wiegen
Um ein einziges Ei.
Mein Mutter hat gesagt,
Ich soll die Mägdlein verraten,
Sie wollt mir auf den Abend
Drei Vögelein braten, ja
braten;
Brat sie mir drei,
isst sie mir zwei,
Um ein einzig Vöglein
Treib’ ich kein Verräterei.
Mein Schätzlein hat gesagt,
Ich soll sein gedenken,
Er wollt mir auf den Abend,
Auf den Abend drei Küsse
schenken;
Schenkt er mir drei,
bleibt’s nicht dabei,
Was kümmert mich’s Vöglein
Was
schiert mich das Ei.
(Friedrich
Rückert)
Die Liebste steht mir vor dem Gedanken,
Wie schön, o wie schön!
Daß mir betäubt die Sinne wanken,
Wie schön, o wie schön!
Sie hat mit Mienen mich angelächelt,
Wie hold, o wie hold!
Daß durch das Herz mir die Strahlen schwanken,
Wie schön, o wie schön!
Die hellen Fluren der Rosenwange,
Sie winken zur Lust,
Und dunkel flattern die Lockenranken,
Wie schön, o wie schön!
Des Auges Narzissen wie lieblich,
Wenn sie erwachen im Tau
Und wann sie trunken in Schlummer sanken,
Wie schön, wie schön, o wie schön!
Die Palm’ aus Eden, die ich in Träumen
Wie lange gesucht,
Hab’ich gefunden im Wuchs, dem schlanken,
O wie schön!
Der Quell des Lebens, dem ich gedurstet,
Er hat mich gelabt,
Als meine Lippen aus deinen tranken,
Wie schön, o wie schön!
Des Geistes Hoffen, der Seele Wähnen,
Dein Traum, Phantasie,
Ist nun getreten in Körperschranken,
Wie schön, wie schön!
Des Frühlings Blumen, des Himmels Sterne,
Du bringst sie im Kranz mir dar vereinigt.
Wie soll ich danken?
Wie schön, wie schön, o wie
schön!
(Detlev von Liliencron)
Wenn
sanft du mir im Arme schliefst,
Ich
deinen Atem hören konnte,
Im
Traum du meinen Namen riefst,
Um
deinen Mund ein Lächeln sonnte -
Glückes
genug.
Und
wenn nach heißem, ernstem Tag
Du mir
verscheuchtest schwere Sorgen,
Wenn
ich an deinem Herzen lag
Und
nicht mehr dachte an ein Morgen -
Glückes
genug.
(Detlev von Liliencron)
Vier
ad’lige Rosse
Voran
unserm Wagen,
Wir
wohnen im Schlosse
In
stolzen Behagen.
Die
Frühlichterwellen
Und
nächstens der Blitz,
Was
all sie erhellen
Ist
unser Besitz.
Und
irrst du verlassen,
Verbannt
durch die Lande;
Mit
dir durch die Gassen
In
Armut und Schande!
Es
bluten die Hände,
Die
Füsse sind wund,
Vier
trostlose Wände,
Es
kennt uns kein Hund.
Steht
silberbeschlagen
Dein
Sarg am Altar,
Sie
sollen mich tragen
Zu dir
auf die Bahr.
Und
fern auf der Heide
Und
stirbst du in Not,
Den
Dolch aus der Scheide,
Dir
nach in den Tod!
(Gustav Falke)
Du schläfst, und sachte neig’ich mich
Über
dein Bettchen und segne dich.
Jeder
behutsame Atemzug
Ist
ein schweifender Himmelsflug,
Ist
ein Suchen weit umher,
Ob
nicht doch ein Sternlein wär’,
Wo aus
eitel Glanz und Licht
Liebe
sich ein Glückskraut bricht,
Das
sie geflügelt herniederträgt
Und
dir auf’s weiße Deckchen legt.
Du
schläfst...usw.
(Richard Dehmel)
Du
bist mein Auge!
Du
durchdringst mich ganz,
Mein
ganzes Wesen hast du mir erhellt,
Mein
ganzes Leben du erfüllt mit Glanz,
Mich
strauchelnden auf sichern Pfad gestellt!
Mein
Auge du!
Wie
war ich doch so blind
An
Herz und Sinn eh du dich mir gesellt,
Und
wie durchströmt mich jetzt so licht, so lind
Verklärt
der Abglanz dieser ganzen Welt!
(Emanuel von Bodman)
Herr
Lenz springt heute durch die Stadt
In
einer blauen Hose.
Und
wer zwei junge Beine hat,
Springt
säftefroh, springt sonnensatt
Und
kauft sich bei ihm Lose.
Dort
biegt er um das Giebelhaus,
Die
Taschen voller Gaben,
Da
strecken sich die Hände aus,
Ein
jeder möchte einen Strauß
Hei!
für sein Mädel haben.
Ich
hohle mir auch einen Schatz
Hinweg
von Glas und Schüssel.
Hut
auf! Wir rennen übern Platz!
Herr Lenz,
für ihren Busenplatz
Ein’n
gelben Hummelsschlüssel!
(Anton Lindner)
Laß Akaziendüfte schaukeln,
Rosen
durch die Fenster gaukeln,
Blütenfee,
Blütenfee, das bist nun du!
Deine
buchenroten Locken
Läuten
mir wie Märchenglocken,
Und
die weiten Täler locken...
Komm,
mein Kind, wir gehn zur Ruh!
In das
Land der blaßen Farben
Ziehn
wir ein, und Purpurgarben
Fächeln
stille Flammen zu.
Horch,
schon zittern weiche Lieder,
Mond
enthüllt sein Schneegefieder,
Fieberheiß
die reifen Glieder,
Ziehen
wir Hand im Hand, zur Ruh.
Leise
Scham, so schüchtern gleitend,
Lichte
Rosenflügel spreitend,
Deckt
die Äuglein, deckt dich zu.
Klingt’s
in Park von Zymbeln, Zinken,
Will
durch’s Fenster Venus winken,
Müßen
Band und Seide sinken,
Komm,
komm, mein Kind,
Komm
mein Kind, wir ziehen zur Ruh.
(Richard Dehmel)
In einem stillen Garten,
an eines Brunnens Schacht,
Wie wollt’ich gerne warten
Die lange graue Nacht!
Viel helle Lilien blühen
Um des Brunnens Schlund;
Drin schwimmen golden die
Sterne,
Drin badet sich der Mond.
Und wie in den Brunnen
schimmern
Die lieben Sterne hinein,
Glänzt mir im Herzen immer
Deiner lieben Augen Schein.
Die Sterne doch am Himmel
Die stehen all’so fern;
In deinem stillen Garten
Stünd’ich jetzt so gern.
(Otto Julius Bierbaum)
Als nachts ich überm Gebirge
ritt,
Rack, schack, schacke, mein
Pferdchen,
Da ritt ein seltsam Klingeln
mit,
Klingling, klingling,
klinglalei.
Es war ein schmeichlerisch
bittend Getön,
Es war wie Kinderstimmen schön.
Mir war’s, ich streichelt’ein
lindes Haar,
Mir war so weh und wunderbar.
Da schwand das Klingeln mit
einemmal,
Ich sah hinunter in’s tiefe
Tal,
Da sah ich Licht in meinem
Haus,
Rack, schack, schacke, mein
Pferdchen,
Mein Bübchen sah nach der
Mutter aus,
Klingling, klingling,
klinglalei.
(Richard Dehmel)
Wir haben ein Bett, wir haben
ein Kind,
Mein Weib!
Wir haben auch Arbeit, und gar
zu zweit,
Und haben die Sonne und Regen
und Wind,
Ind uns fehlt nur eine Kleinigkeit,
Um so frei zu sein, wie die
Vögel sind:
Nur Zeit
Wenn wir sonntags durch die
Felder gehn,
Mein Kind,
Und über den Ähren weit und
breit
Das blaue Schwalbenvolk blitzen
sehn,
Oh, dann fehlt uns nicht das
bißchen Kleid,
Um so schön zu sein, wie die
Vögel sind:
Nur Zeit!
Nur zeit! Wir wittern
Gewitterwind,
Mir Volk.
Nur eine kleine Ewigkeit;
Uns fehlt ja nichts, mein Weib,
mein Kind,
Als all das, was durch uns
gedeiht,
Um so froh zu sein, wie die
Vögel sind:
Nur Zeit!
(Richard Dehmel)
Du wirst nicht weinen. Leise
Wirst du lächeln und wie zur
Reise
Geb’ich dir Blick und Kuß
zurück.
Unsre lieben vier Wände, du
hast sie bereitet,
Ich habe sie dir zur Welt
geweitet;
O Glück!
Dann wirst du heiß meine Hände
fassen
Und wirst mir deine Seele
lassen,
Läßt unsern Kindern mich
zurück.
Du schenktest mir dein ganzes
Leben,
Ich will es ihnen wiedergeben;
O Glück!
Es wird sehr bald sein, wir
wissen’s beide,
Wir haben einander befreit vom
Leide,
So gab ich dich der Welt
zurück!
Dann wirst du mir nur noch im
Traum erscheinen
Und mich segnen und mit mir
weinen;
O Glück!
(Richard Dehmel)
Der Sturm behorcht mein
Vaterhaus,
Mein Herz klopft in die Nacht
hinaus,
Laut; so erwacht’ich vom
Gebraus
Des Forstes schon als Kind,
Mein junger Sohn, hör’zu,
hör’zu:
In deine ferne Wiegenruh’
Stöhnt meine Worte dir
Im Traum der Wind.
Einst hab’ich auch im Schlaf
gelacht,
Mein Sohn, und bin nicht
aufgewacht
Vom Sturm -
Bis eine graue Nacht wie heute
kam.
Dumpf brandet heut im Forst der
Föhn
Wie damals, wenn ich sein Getön
Vor Furcht -
Wie meines Vaters Wort vernahm.
Horch, wie der Knospige
Wipfelsaum
sich sträubt, sich beugt, von
Baum zu Baum;
Mein Sohn, in deine Wiegenruh’
Zornlacht der Sturm: hör’zu,
Hör’zu!
Er hat sich nie vor Furcht
gebeugt,
Horch, wie er durch die Kronen
keucht:
Sei du! Sei du!
Und wenn dir einst von Sohnes
Pflicht,
Mein Sohn, dein alter Vater
spricht,
Gehorch’ihm nicht, gehorch’ihm
nicht:
Horch wie der Föhn im Forst
den Frühling braut.
Horch, er behorcht mein
Vaterhaus,
Mein Herz klopft in die Nacht
hinaus, laut.
(Richard Dehmel)
Träume,
träume, du mein süßes Leben,
Von
dem Himmel, der die Blumen bringt.
Blüten
schimmern da, die leben
Von
dem Lied, das deine Mutter singt.
Träume,
träume, knospe meiner Sorgen,
Von
dem Tage, da die Blume sproß;
Von
dem hellen Blütenmorgen,
Da
dein Seelchen sich der Welt erschloß.
Träume,
träume, Blüter meiner Liebe,
Von
der stillen, von der heilgen Nacht,
Da die
Blume seiner Liebe
Diese
Welt zum Himmel mir gemacht.
(Richard Dehmel)
Die
Welt verstummt,
Dein
Blut erklingt,
In
seinen hellen Abgrund sinkt
Der
ferne Tag,
Er
schaudert nicht;
Die
Glut umschlingt
Das
höchste Land, im Meere ringt
Die ferne
Nacht,
Sie
zaudert nicht;
Der
Flut entspringt
Ein
Sternchen, deine Seele trinkt
Das
ewige Licht.
(Detlev von Liliencron)
Die
Feder am Strohhut in Spiel und Gefahren,
Halli.
Nie
lernt’ich im Leben fasten, noch sparen,
Hallo.
Der
Dirne laß ich die Wege nicht frei,
Wo
Männer sich raufen, da bin ich dabei,
Und wo
sie saufen, da sauf ich für drei.
Halli
und hallo.
Verdammt,
es blieb mir ein Mädchen hängen,
Halli.
Ich
kann sie mir nicht aus dem Herzen zwängen,
Hallo.
Ich
glaube, sie war erst sechzehn Jahr,
Trug rote Bänder im schwarzen Haar
Und
plauderte wie der lustigste Star.
Halli
und hallo.
Was
hatte das Mädchen zwei frische Backen,
Halli.
Krach,
konnten die Zähen die Haselnuß knacken,
Hallo.
Sie
hat mir das Zimmer mit Blumen geschmückt;
Die
wir auf heimlichen Wegen gepflückt;
Wie
hab ich dafür ans Herz sie gedrückt!
Halli
und hallo.
Wir
haben süperb uns die Zeit vertrieben,
Halli.
Ich
wollte, wir wären zusammen geblieben,
Hallo.
Doch
wurde die Sache mir stark ennuyant,
Ich
sagt’ihr, daß mich die Regierung ernannt,
Kamele
zu kaufen in Samerkand.
Halli
und hallo.
Und
als ich zum Abschied die Hand gab der Kleinen,
Halli.
Da
fing sie bitterlich an zu weinen,
Hallo.
Was
denk ich just heute ohn Unterlaß,
Daß
ich ihr so rauh gab den Reisepaß...
Wein
her, zum Henker, und da liegt Trumpf As!
Halli
und hallo.
(Christian Morgenstern)
Leise
Lieder sing ich dir bei Nacht,
Lieder,
die kein sterblich Ohr vernimmt,
Noch
ein Stern, der etwa spähend wacht,
Noch
der Mond, der still im Äther schwimmt;
Denen
niemand als das eigne Herz,
Das
sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
Und an
denen niemand als der Schmerz,
Der
sie zeugt, sich kummervoll berauscht.
Leise
Lieder sing ich dir bei Nacht,
Dir,
in deren Aug mein Sinn versank,
Und
aus dessen tiefem, dunklen Schacht,
Meine
Seele ew’ge Sehnsucht trank.
(John Henry Mackay)
Ich
grüße die Sonne, die dort versinkt,
Ich
grüße des Meeres schweigende Fluten,
Das
durstig, durstig die Gluten trinkt,
Die
lautlos an seinem Herzen verbluten.
Ich
grüße die Ebene, wie liegt sie still,
Des
Abends geheimnisvoll dämmernde Weite,
Durch
die ich, der ich nach Hause will
Nun
schneller und immer schneller schreite!
Wie
ist die Brust von Glück geschwellt,
Mich
umgaukelt die luftige Schar meiner Lieder,
Und
ich grüße die Welt, diese herrliche Welt!
Ich
grüße sie, morgen seh’ich sie wieder!
(Gottfried August Bürger)
Seht
mir doch mein schönes Kind,
Mit
den gold’nen Zottellöckchen,
Blauen
Augen, roten Bäckchen,
Leutchen,
habt ihr auch so eins?
Leutchen,
nein, ihr habt keins!
Seht
mir doch mein süsses Kind,
Fetter
als ein fettes Schneckchen,
Süsser
als ein Zuckerweckchen!
Leutchen,
habt ihr auch so eins?
Leutchen,
nein, ihr habt keins!
Seht
mir doch, mein holdes Kind,
Nicht
zu mürrisch, nicht zu wählig!
Immer
freundlich, immer frohig!
Leutchen,
habt ihr auch so eins?
Leutchen,
Leutchen ihr habt keins!
Seht
mir doch mein frommes Kind!
Keine
bitterböse Sieben
Würd’
ihr Mütterchen so lieben.
Leutchen,
möchtet ihr so eins?
O, ihr
kriegt gewiss nicht meins!
Komm’
einmal ein Kaufmann her!
Hunderttausend
blanke Taler,
Alles
Gold der Erde zahl’ er!
O er
kriegt gewiss nicht meins!
Kauf’
er sich wo anders eins!
(Friedrich Gottlieb Klopstock)
Zeit,
Verkündigerin der besten Freuden,
Nahe
selige Zeit,
Dich
in der Ferne auszuforschen,
Vergoß
ich trübender Tränen zuviel.
Und
doch kommst du!
O
dich, ja Engel senden,
Engel
senden dich mir, die Menschen waren,
Gleich
mir liebten,
Nun
lieben, wie ein Unsterblicher liebt.
Auf
den Flügeln der Ruh,
In
Morgenlüften,hell vom Taue des Tag’s,
Der
höher lächelt,
Mit
dem ewigen Frühling
Kommst
du den Himmel herab.
Denn
sie fühlet sich ganz
Und
gießt Entzückung in dem Herzen empor,
Die
volle Seele, wenn sie,
Daß
sie geliebt wird,
Trunken
vor Liebe sich denkt.
(Friedrich Gottlieb Klopstock)
Zu
Hirsau in den Trümmern
da
wiegt ein Ulmenbaum
Frisch
grünend seine Krone
Hoch
übern Giebelsaum
Er
wurzelt tief im Grunde
Vom
alten Klosterbau;
Er
wölbt sich statt des Daches
Hinaus
in Himmelsblau.
Weil
des Gemäuers Enge
Ihm
Luft und Sonne nahm,
So
trieb’s ihn noch und höher,
Bis er
zum Lichte kam.
Es
ragen die vier Wände,
Als ob
sie nur bestimmt,
Den
kühnen Wuchs tu schirmen,
Der du
zu den Wolken klimmt.
Wenn
dort im grünen Tale
Ich
einsam mich erging,
Die
Ulme war’s, die hehre,
Woran
mein Sinnen hing.
Wenn
in dem dumpfen, stummen
Getrümmer
ich gelauscht,
Da hat
ihr reger Wipfel
Im
Windesflug gerauscht.
Ich
sah ihn oft erglühn
Im
ersten Morgenstrahl;
Ich
sah ihn noch erleuchtet,
Wenn
schattig rings das Tal.
Zu
Wittenberg im Kloster
Wuchs
auch ein solcher Strauß
Und
brach mit Riesenästen
Zum
Klausendach hinaus.
O
Strahl des Lichts, du dringest
Hinab
in jede Gruft.
O
Geist der Welt, du ringest
Hinauf
in Licht und Luft.
(Richard Dehmel)
Hoch hing der Mond; das
Schneegefild
Lag bleich und öde um uns her,
wie meine Seele bleich und
leer.
Denn neben mir, so stumm und
wild,
so stumm und kalt wie meine
Not,
als wollt’ er weichen
nimmermehr,
sass starr und wartete der Tod.
Da kam es her: wie einst so
mild,
so müd’ und sacht aus ferner
Nacht,
so kummerschwer
kam seiner Geige Hauch daher
und vor mir stand sein stilles
Bild.
Der mich umflochten wie ein
Band,
dass meine Blüte nicht zerfiel
und dass mein Herz die
Sehnsucht fand,
die große Sehnsucht ohne Ziel:
da stand er nun im öden Land
und stand so trüb’ und
feierlich
und sah nicht auf noch grüßte
mich,
nur seine Töne ließ er irr’n
und weinen durch die kühle Flur,
und mir entgegen starrte nur
aus seiner Stirn,
als wär’s ein Auge hohl und
fahl,
der tiefen Wunde dunkles Mal.
Und trüber quoll das trübe
Lied,
und quoll so heiss, und wuchs,
und schwoll so heiss und voll
wie Leben, das nach Liebe
glüht,
wie Liebe, die nach Leben
schreit,
nach ungenossner Seligkeit,
so wehevoll, so wühlend quoll
das strömende Lied und flutete,
und leise, leise blutete und
strömte mit,
in’s bleiche Schneefeld, rot
und Fahl,
der tiefen Wunde dunkles Mal.
Und müder glitt die müde Hand,
und vor mir stand ein bleicher Tag,
ein ferner bleicher Jugendtag,
da starr im Sand
zerfallen seine Blüte lag,
da seine Sehnsucht sich vergass
in ihrer Schwermut Übermass,
und ihrer Traurigkeiten müd
zum Ziele schritt;
und laut aufschrie das weinende Lied,
das wühlende, und flutete,
und seiner Seiten Klage schritt,
und seine Stirne blutete
und weinte mit in meine
starre Selennot,
als sollt’ich hören ein Gebot,
als müsst ich jubeln, dass ich litt,
mitführen alles Leidens Schuld
und alles Lebens warme Huld.
Und weinend, blutend wandt er sich
in’s bleiche Dunkel und verblich.
Und bebend hört’ ich mir entgehn,
entfliehn sein Lied. Und wie so zart,
so zitternd ward der langen
Töne fernes Flehn.
Da fühlt’ich kalt ein Rauschen wehn
Und grauenschwer
Die Luft sich rühren um mich her,
und wollte bebend nun ihn sehn,
ihn lauschen sehn,
der wartend sass bei meiner Not,
und wandte mich. Da lag es kahl,
das bleiche Feld, und fern und fahl
entwich in’s Dunkel auch der Tod.
Hoch hing der Mond, und mild und müd
hinschwand es in die leere Nacht,
das flehende Lied, und schwand und schied,
des toten Freundes flehendes Lied.
EIN
OBDACH GEGEN STURM
UND REGEN
(Friedrich Rückert)
Ein
Obdach gegen Sturm und Regen
Der
Winterzeit
Sucht’
ich und fand den Himmelssegen
Der
Ewigkeit.
O
Wort, wie du bewährt dich hast,
Wer
wenn ich sucht, der findet viel,
Ich
suchte eine Wanderrast
Und
fand mein Reiseziel.
Ein
gastlich Tor nur wünscht’ ich offen,
Mich
zu empfah’n,
Ein
liebend Harz ward wider Hoffen
Mir
aufgetan.
O
Wort, wie du bewährt dich hast,
Wer
wenn ich sucht, der findet viel,
Ich
wollte sein ihr Wintergast
Und
ward ihr Herzgespiel.
(Friedrich Rückert)
Gestern
war ich Atlas, der den Himmel trug,
Als
der Liebsten Herz auf meinem Busen schlug;
Ihrer
Augen Sonnen kreisten über mir
Und
wie Äther spielt um mich ihr Atemzug.
O zieh
den Liebesknoten fester zu noch!
So
lang ich atme fand ich keine Ruh’ noch.
Laß
mich in der Ausatmen! Mir fehlt etwas,
So
lang ich etwas andres bin als du noch.
Mir
ist dein Kuß je länger, je lieber,
Dein
Arm ist mir je länger, je lieber,
Zwar
macht dein Kuß, der lange, mir bange,
Mir
ist aber je bänger, je lieber.
(Friedrich Rückert)
Weil
ich dich nicht legen kann
Unter
Schloß und Riegel,
Dir
zum Abschied leg’ ich an
Diese
sieben Siegel.
Küsse
sollen Siegel sein,
Einer
auf die Lippe,
Daß am
Nektarkelche kein
Honigdieb
mehr nippe!
Dieses
Siegel auf die Brust,
Auf
den Nacken dieses;
Fremder
Wunsch sei ferne der Lust
Meines
Paradieses!
Zweie
noch auf Wang’ und Wang’
Und
auf Aug’ und Auge,
Daß
kein Mund danach verlang’,
Und
kein Blick hier sauge!
Liebes
Kind, um deine Schuld
Trag’
die Siegel in Geduld!
Morgen
wollen wir die bösen
Sieben
Siegel wieder lösen.
(Friedrich Rückert)
Dort, wo
der Morgenstern hergeht
Und wo
der Morgenwind herweht,
Dort
wohnt, nach der mein Herz hinfleht,
Der
Aufgang meiner Liebesnot,
Sie,
meiner Hoffnung Freudenrot,
Mein
süßes Leben, süßer Tod.
Es
reicht dahin kein Blick von mir,
Doch
an des Himmels lichter Zier
Seh
ich den Wiederschein von ihr.
Das
Morgenrot ist angefacht,
Weil
sie vom Schlummer aufgewacht
Und
hell den Himmel angelacht.
Die
Luft des Aufgangs ist ihr Gruß,
Die
Morgensonn’ ihr Liebeskuß,
Der
mir das Herz erschließen muß.
Sich
dreh’n um’s Haus, allwo sie wohnt,
Die
Sonn’ am Tag und nachts der Mond,
Und
sind, so oft sie blickt, belohnt.
Die
Himmel dreh’n um Liebe sich,
Die
Liebe dreht sich nur um dich,
Und zu
dir liebend wend’ ich mich:
Du
leuchtend über Berg und Tal
Von
Haupt zu Füßen allzumal
Von
Huld ein einz’ger Himmelsstrahl!
(Friedrich Rückert)
Ich
sehe wie in einem Spiegel
In der
Geliebten Auge mich;
Gelöst
vor mir ist jedes Siegel,
Das mir
verbarg mein eignes Ich.
Durch
deinen Blick ist mir durchsichtig
Mein
Herz geworden und die Welt,
Was in
ihr wirklich und was nichtig,
Ist
vor mir ewig aufgehellt.
So wie
durch meinen Busen gehet
Hier
deines Herzens stiller Schlag,
So
fühl’ ich, was die Schöpfung drehet,
Vom
ersten bis zum jüngsten Tag.
Die
Welten dreh’n sich all’ um Liebe,
Lieb’
ist ihr Leben, Lieb’ ihr Tod;
Und in
mir wogt ein Weltgetriebe
Von
Liebeslust und Liebesnot.
Der
Schöpfung Seel’ ist ew’ger Frieden,
Ihr
Lebensgeist ein steter Krieg.
Und so
ist Friede mir beschieden,
Sieg
über Tod und Leben, Sieg!
Ich
spreche still zur Lieb’ im Herzen,
Wie
Blumen zu der Sonne Schein:
Du gib
mir Lust, du gib mir Schmerzen!
Dein
leb’ich und ich sterbe dein!
(Ludwig Uhland)
Aus der Bedrängnis, die mich
wild umkettet,
Hab ich zu dir mich, süßes
Kind, gerettet,
Damit ich Herz und Augen weide
An deiner Engelfreude,
An dieser Unschuld, dieser
Morgenhelle,
Dieser ungetrübten
Gottesquelle.
(Ludwig Uhland)
Ergehst
du dich im Abendlicht,
(Das
ist die Zeit der Dichterwonne),
So
wende stets dein Angesicht
Zum
Glanze der gesunknen Sonne!
In
hoher Feier schwebt dein Geist,
Du
schauest in des Tempels Hallen,
Wo
alles Heilge sich erschleust
Und
himmlische Gebilde wallen.
Wann
aber um das Heiligtum
Die
dunklen Wolken niederrollen,
Dann
ist’s vollbracht, du kehrest um,
Beseligt
von dem Wundervollen.
In
stiller Rührung wirst du geh’n,
Du
trägst des Liedes Segen;
Das
Lichte, das du dort gesehn,
Umglänz
dich mild auf finstern Wegen.
(Ludwig Uhland)
An
ihrem Grabe kniet’ ich festgebunden
und
senkte tief den Geist in’s Totenreich.
Zum
Himmel reichte nicht mein Blick, es stunden
Des
Wiedersehens Bilder fern und bleich.
Da so
ich vorwärts Grauen nur gefunden,
Vergangne
Tage, flüchtet’ ich zu euch:
Ich
ließ den Sarg des Grabes Nacht entheben,
Zurück
sie tragen in das schöne Leben.
Schon
huben sich die bleichen Augenlider,
Ihr
Auge schmachtete zu mir empor;
Bald
stretten auf die frischverjüngten Glieder,
Sie
schwebte blühend in der Schwestern Chor.
Der
Liebe goldne Stunden traten wieder
Selbst
mit des ersten Kusses Lust hervor:
Bis
sich verlor ihr Leben und das meine
In
sel’ger Kindheit Duft und Morgenscheine.
(Ludwig Uhland)
Bei
einem Wirte wundermild,
Da war
ich jüngste zu Gaste;
Ein
goldener Apfel war sein Schild,
An
einem langen Aste.
Es war
der gute Apfelbaum,
Bei
dem ich eingekehret;
Mit
süßer Kost und frischem Schaum
Hat er
mich wohl genähret.
Es
kamen in sein grünes Haus
Viel
leichtbeschwingte Gäste;
Sie
sprangen frei und hielten Schmaus
Und
sangen auf das beste.
Ich
fand ein Bett zu süßer Ruh
Auf
weichen, grünen Matten;
Der
Wirt, er deckte selbst mich zu
Mit
seinem kühlen Schatten.
Nun
fragt’ich nach der Schuldigkeit,
Da
schüttelt’er den Wipfel;
Gesegnet
sei er allezeit,
Von
der Wurzel bis zum Gipfel.
(Ludwig Uhland)
Ich
kenne sieben lust’ge Brüder,
Sie
sind die durstigsten im Ort;
Die
schwuren höchlich, niemals wieder
Zu
nennen ein gewisses Wort,
In
keinerlei Weise,
Nicht
laut und nicht leise.
Es ist
das gute Wörtlein Wasser,
Darin
doch sonst kein Arges steckt.
Wie
kommt’s nun, daß die wilden Prasser
Dies
schlichte Wort so mächtig schreckt?
Merkt
auf! Ich berichte
Die
Wundergeschichte.
Einst
hörten jene durst’gen Sieben
Von
einem fremden Zechkumpan,
Es sei
em Waldgebirge drüben
Ein
neues Wirtshaus aufgetan,
Da
fließen so reine,
So würzige
Weine.
Um
einer guten Predigt willen
Hätt’
keiner sich vom Platz bewegt;
Doch
gilt es, Gläser gut zu füllen,
Sind
die Bursche gleich erregt.
“Auf
,lasset uns wandern!”
Ruft
einer dem andern.
Sie
wandern rüstig mit dem Frühen,
Bald
steigt die Sonne drückend heiß,
Die
Zunge lechzt, die Lippen glühen,
Und
von der Stirne rinnt der Schweiß.
Da
rieselt so helle
Vom
Felsen die Quelle.
Wie
trinken sie in vollen Zügen!
Doch
als sie kaum den Durst gestillt,
Bezeugen
sie ihr Mißvergnügen,
Daß
hier nicht Wein, nur Wasser quillt:
“O
fades Getränke!
O
erbärmliche Schwenke!”
In
seine vielverwobnen Gänge
Nimmt
jetzt der Wald die Pilger auf;
Da
stehn sie plötzlich im Gedränge,
Verworrnes
Dickicht hemmt den Lauf.
Sie
irren, sie suchen,
Sie
zanken und fluchen.
Derweil
hat sich in finstre Wetter
Die
schwüle Sonne tief verhüllt;
Schon
rauscht der Regen durch die Blätter,
Es
zuckt der Blitz, der Donner brüllt;
Dann
kommt es geflossen,
Unendlich
ergossen.
Bald
wird der Forst zu tausend Inseln,
Zahllose
Ströme brechen hervor;
Hier
hilft kein Toben, hier hilft kein Winseln,
Er muß
hindurch, der ed’le Chor.
O
gründliche Taufe!
O
köstliche Taufe!
Vor
Alters wurden Menschenkinder
Verwandelt
oft in Quell und Fluß;
Auch
unsre sieben armen Sünder
Bedroht
ein gleicher Götterschluß.
Sie
triefen, sie schwellen,
Als
würden sie quellen.
So,mehr
geschwommen als gegangen,
Gelagen
sie zum Wald hinaus;
Doch
keine Schenke sehn sie prangen,
Sie
sind auf gradem Weg nach Haus;
Schon
rieselt so helle
Vom
Felsen die Quelle.
Da ist’s,als
ob sie rauschend spreche:
“Willkommen,
saubre Brüderschar!
Ihr
habt geschmähet, töricht Freche,
Mein
Wasser,das euch labend war.
Nun
seid ihr getränket,
Daß
ihr daran denket!”
So kam
es, daß die sieben Brüder
Das
Wasser fürchteten hinfort,
Und daß
sie schwuren, niemals wieder
Zu
nennen das verwünschte Wort,
In
keinerlei Weise,
Nicht
laut und nicht leise.
(Otto Julius Bierbaum)
Nicht im Schlafe hab’ ich das
geträumt,
Hell am Tage sah ich’s schön
vor mir.
Eine Wiese voller Margeriten;
Tief ein weißes Haus in grünen
Büschen;
Götterbilder leuchten aus dem
Laube.
Und ich geh’ mit einer, die
mich lieb hat,
Ruhigen Gemütes in die Kühle
Dieses weißen Hauses, in den Frieden,
Der voll Schönheit wartet, daß
wir kommen.
Und ich geh’ mit einer, die
mich lieb hat,
in den Frieden voll Schönheit.
(Karl Henckell)
Ich schwebe wie auf
Engelsschwingen,
Die Erde kaum berührt mein Fuß,
In meinen Ohren hör’ ich’s
klingen
Wie der Geliebten Scheidegruß.
Das tönt so lieblich, mild und
leise,
Das spricht so zage, zart und
rein,
Leicht lullt die nachgeklung’ne
Weise
In wonneschweren Traum mich
ein.
Mein schimmernd’ Aug’ indes
mich füllen
Die süßesten der Melodien,
Sieht ohne Falten, ohne Hüllen
Mein lächelnd Lieb’
vorüberziehn.
(Karl Henckell)
Kling!...
Meine Seele gibt reinenTon.
Und ich wähnte die Arme
Von dem wütenden Harme
Wilder Zeiten zerrissen schon.
Sing!...
Meine Seele, den Beichtgesang
Wiedergewonnener Fülle!
Hebe vom Herzen die Hülle!
Heil dir, geläuterter
Innenklang!
Kling!...
Meine Seele, dein Leben,
Quellendes, frisches Gebild!
Blühendes hat sich begeben
Auf dem verdorrten Gefild.
Kling, meine Seele, Kling!
(Karl Henckell)
In diesen Wintertagen,
Nun sich das Licht verhüllt,
Laß uns im Herzen tragen,
Einander traurig sagen,
Was uns mit innerm Licht
erfüllt.
Was milde Glut entzündet,
Soll brennen fort und fort,
Was Seelen zart verbündet
Und Geisterbrücken gründet,
Sei unser leises Losungswort.
Das Rad der Zeit mag rollen,
Wir greifen kaum hinein,
Dem Schein der Welt
verschollen,
Auf unserm Eiland wollen
Wir tag und Nacht der sel’gen
Liebe weihn.
(Karl Henckell)
Der Sonne entgegen in
Liebesgluten
Wandr’ ich...o Wonne, wer mäße
dein Maß!
Mit Reif bepudert prangen die
Wälder,
Die Berge grüßen das blendende
Licht.
Vor Eiseskälte knirschen die
Schritte,
Der Hauch des Mundes ballt sich
zusammen.
Ich trage Feuer in meinem
Herzen,
Mich brennt die Liebe, das
schlimme Kind.
Sie schürt die Flamme mit
hastigen Händen,
Die Kohlen knistern, der
Wohlduft quillt...
Der Sonne entgegen in
Liebesgluten
Wandr’ich...o Wonne, wer mäße
dein Maß!
(Richard Dehmel)
Der
Wald beginnt zu rauschen,
Den
Bäumen naht die Nacht;
Als ob
sie selig lauschen,
Berühren
sie sich sacht.
Und
unter ihren Zweigen
Da bin
ich ganz allein.
Da bin
ich ganz mein eigen:
Ganz
nur, ganz nur dein.
(Paul Remer)
Wir
schreiten in goldener Fülle
Durch
seliges Sommerland,
Fest
liegen uns’re Hände
Wie
ineinander gebannt.
Die
große Sommersonne
Hat
uns’re Herzen erhellt,
Wir
schreiten in goldener Fülle
Bis an
das Ende der Welt.
Und
bleicht deine sinkende Stirne,
Und
läßt meine Seele ihr Haus,
Wir
schreiten in goldener Fülle
Auch
in das Jenseits hinaus.
Wem
solch ein Sommer beschieden,
Der
lacht der flüchtigen Zeit -
Wir
schreiten in goldener Fülle
Durch
alle Ewigkeit.
Wir
schreiten in goldener Fülle
Durch
seliges Sommerland -
Wir
schreiten in goldener Fülle
Bis an
das Ende der Welt.
Wir
schreiten in goldener Fülle
Durch
alle Ewigkeit.
(Richard Dehmel)
Bienchen,
Bienchen
Wiegt
sich im Sonnenschein,
Spielt
um mein Kindelein,
Summt
dich in Schlummer ein,
Süsses
Gesicht.
Spinnchen,
Spinnchen
Flimmert
im Sonnenschein,
Schlummre
mein Kindelein,
Spinnt
dich in Träume ein,
Rühre
dich nicht!
Tiefedelinchen
Schlüpft
aus dem Sonnenschein,
Träume
mein Kindelein,
Haucht
dir ein Seelchen ein:
Liebe
zum Licht.
(Oscar Panizza)
Es
wohnt ein kleines Vögelein
Auf
grünem Baum, im grünen Licht,
Daß es
die schöne Nachtigall,
Das
Vöglein, es weiß es nicht.
Es
wohnt ein schneeweiß Mägdelein
Im
vierten Stock beim Himmelslicht,
Daß es
das schönste Kind der Stadt,
Das
schöne Kind, es weiß es nicht.
Sie
wissen’s nicht, und unten tief
Geht
einer, dem das Herz zerbricht,
Zum
Mädchen und zur Nachtigall
Schluchzt
er hinauf, sie wissen’s nicht.
(Aus „Des Knaben Wunderhorn“)
Weine,
weine, weine nur nicht,
Ich
will dich lieben, doch heute nicht,
Ich
will dich ehren, soviel ich kann,
Aber’s
Nehmen,
Aber’s
Nehmen steht mir nicht an.
Glaube,
glaube, glaube nur fest,
Daß
dich mein’ Treu niemals verläßt,
Allzeit
beständig, niemals abwendig
Will
ich treu sein,
Aber
gebunden, das geh’ ich nicht ein
Hoffe,
hoffe, hoffe mein Kind,
Daß
meine Worte aufrichtig sind,
Ich tu
dir schwören bei meiner Ehren,
Daß
ich treu bin:
Aber’s
Heiraten ist nie mein Sinn.
(Aus „Elsässiche Volkslieder“)
Wer
lieben will, muss leiden,
Oh’n
Leiden liebt man nicht,
Drum
bin ein armes Mädchen,
Kein
Mensch’ hab ich jetzt mehr.
Jetzt
geh ich auf den Kirchhof,
Auf
meiner Mutter Grab,
Und
thu so bitterlich weinen,
Bis
sie mir Antwort gab.
Und
durch die Allmachtgottes
Gab
sie mir gleich Antwort.
Drei
Wörtchen thut sie sprechen
Aus
ihrer kühlen Gruft:
Ach,
Tochter, liebe Tochter,
Erwarte
nur die Zeit.
Der
Tod wird dich schon holen
Für
ihn die Ewigkeit.
ACH, WAS KUMMER, QUAL UND SCHMERZEN
(Aus „Elsässiche Volkslieder“)
Ach,
was Kummer, Qual und Schmerzen,
Es
liegt mir was auf meinem Herzen,
Und
ich trau es nicht zu sagen,
Mich
bei Jemand zu beklagen,
Da ich
doch - hm, hm, hm, hm.
Stille
muss ich’s in mich schliessen,
Darf
kein Wörtchen lassen fliessen.
Muss
mich stellen vor den Leuten,
Als
wär ich in allen Freuden,
Da ich
doch - hm, hm, hm, hm.
Meine
Freude wär zu leben,
Mich
der Freundschaft zu ergeben.
Mein
Herz wünscht sich zu verschenken,
Um ein
and’res Herz zu lenken,
Das
empfindsam - hm, hm, hm, hm.
(Karl Henckell)
Ich
bin kein Minister,
Ich
bin kein König,
Ich
bin kein Priester,
Ich
bin kein Held,
Mir
ist kein Orden,
Mir
ist kein Titel
Verliehen
worden
Und
auch kein Geld.
Dich
will ich kriegen,
Du
harter Plocken,
Die
splitter fliegen,
Der
Sand stäubt auf -
“Du
armer Flegel!”
Mein
Vater brummte -
“Nimm
meinen Schlägel”;
Und
starb darauf.
Heut
hab ich Armer
Noch
nichts gegessen,
Der
Allerbarmer
Hat
nichts gesandt;
Von
goldnem Weine
Hab
ich geträumet
Und
klopfe Steine
Für’s
Vaterland.
Kein
Minister,
Kein
König,
Kein
Held!
Kein
Orden,
Kein
Titel
Und
auch kein Geld.
“Du
armer Flegel”
“Nimm
meinen Schlägel”
Noch
nichts gegessen,
Nichts
gesandt
Und
klopfe Steine
Für’s Vaterland.