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Morgentau (Aus einem alten Liederbuch)
(Albert Reinhold)
 
 Der Frühhauch hat gefächelt
 Hinweg die schwüle Nacht,
 Die Flur holdselig lächelt
 In ihrer Lenzenspracht;
 Mild singt vom dunkeln Baume
 Ein Vöglein in der Früh,
 Es singt noch halb in Traume
 Gar süße Melodie.
 
 Die Rosenknospe bebet
 Empor ihr Köpfchen bang,
 Denn wundersam durchbebet
 Hat sie der süße Sang;
 Und mehr und mehr enthüllet
 Sich ihrer Blätter Füll',
 Und eine Träne quillet
 Hervor so heimlich still.

 

 

Wiegenlied im Sommer

(Robert Reinick)

 

Vom Berg hinab gestiegen 
 ist nun des Tages Rest;
 mein Kind liegt in der Wiegen,
 die Vöglein all im Nest,
 
 nur ein ganz klein Singvögelein
 ruft weit daher im Dämmerschein:
 Gut Nacht! Gut Nacht! Lieb Kindlein, gute Nacht! 
 Gut Nacht! Gut Nacht! Lieb Kindlein, gute Nacht!
 
 Das Spielzeug ruht im Schreine,
 die Kleider auf der Bank,
 ein Mäuslein ganz alleine,
 es raschelt noch im Schrank,
 
 und draußen steht der Abendstern
 und winkt dem Kind aus weiter Fern:
 Gut Nacht! Gut Nacht! Lieb Kindlein, gute Nacht! 
 Gut Nacht! Gut Nacht! Lieb Kindlein, gute Nacht!
 
 Die Wiege geht im Gleise,
 die Uhr pickt hin und her,
 die Fliegen nur ganz leise,
 die summen noch daher.   
 
 Ihr Fliegen laßt mein Kind in Ruh!
 Was summt ihr ihm so heimlich zu?
 Gut Nacht! Gut Nacht! Lieb Kindlein, gute Nacht! 
 Gut Nacht! Gut Nacht! Lieb Kindlein, gute Nacht!
 
 Der Vogel und die Sterne,
 die Fliegen rings umher,
 sie haben mein Kind schon gerne,
 die Engel noch viel mehr.
 
 Sie decken's mit den Flügeln zu
 und singen leise: "Schlaf in Ruh!
 Gut Nacht! Gut Nacht! Lieb Kindlein, gute Nacht! 
 Gut Nacht! Gut Nacht! Lieb Kindlein, gute Nacht!"

 

Mausfallen Sprüchlein
(Eduard Mörike)


(Das Kind geht dreimal um die Falle und spricht:)
 Kleine Gäste, kleines Haus.
 Liebe Mäusin oder Maus,
 [Stell]1 dich nur kecklich ein
 [Heut']2 nacht bei Mondenschein!
 Mach aber die Tür fein hinter dir zu,
 Hörst du?
 Dabei hüte dein Schwänzchen!
 Nach Tische singen wir,
 Nach Tische springen wir
 Und machen ein Tänzchen:
 Witt witt!
 Meine alte Katze tanzt wahrscheinlich mit.

 

Der Genesene an die Hoffnung

(Eduard Mörike)

 

Tödtlich graute mir der Morgen:
Doch schon lag mein Haupt, wie süß!
Hoffnung, dir im Schoß verborgen,
bis der Sieg gewonnen hieß,
bis der Sieg gewonnen hieß.
 
Opfer bracht' ich allen Göttern,
Doch vergessen warest du;
Seitwärts von den ew'gen Rettern
Sahest du dem Feste zu.
 
O, vergIb, du Vielgetreue!
Tritt aus deinem Dämmerlicht,
Daß ich dir in's ewig neue,
Mondenhelle Angesicht
 
Einmal schaue, recht von Herzen,
Wie ein Kind und sonder Harm;
Ach, nur Einmal ohne Schmerzen
schließe mich in deinen Arm!
 


Der Knabe und das Immlein

(Eduard Mörike )


Im Weinberg auf der Höhe ein Häuslein steht so winde bang;
hat weder Thür noch Feuster, die Weile wird ihm lang.
Und ist der Tag so schwüle, sind all' verstummt die Vögelein,
summt an der Sonnenblume ein Immlein ganz allein.
 
Lieb hat einen Garten, da steht ein hübsches Immenhaus:
kommst du daher geflogen? schickt sie dich nach mir aus?
O nein, du feiner Knabe, es hieß mich Niemand Boten gehn;
dieses Kind weiß nichts von Lieben, hat dich noch kaum gesehn.
 
Was wüßten auch die Mädchen, wenn sie kaum aus der Schule sind!
Dein herzallerliebstes Schätzchen ist noch ein Mutterkind.
Ich bring' ihm Wachs und Honig; ade! ich hab' ein ganzes Pfund;
wie wird das Schätzchen lachen, ihm wässertschon der Mund -
 
Ach, wolltest du ihr sagen, ich wüßte, was vielsüßer ist:
nichts Lieblichers auf Erden als wenn man herzt und küßt!
 


Ein Stündlein wohl vor Tag

(Eduard Mörike )

 
Derweil ich schlafend lag,
Ein Stündlein wohl vor Tag,
Sang vor dem Fenster auf dem Baum
Ein Schwälblein mir, ich hört es kaum
Ein Stündlein wohl vor Tag.
 
"Hör an, was ich dir sag,
Dein Schätzlein ich verklag:
Derweil ich dieses singen tu
Herzt er ein Lieb in guter Ruh,
Ein Stündlein wohl vor Tag."
 
O weh! nicht weiter sag!

O still! nichts hören mag!
Flieg ab, flieg ab von meinem Baum!
Ach, Lieb und Treu ist wie ein Traum
Ein Stündlein wohl vor Tag.
 


Jägerlied

(Eduard Mörike )

 
Zierlich ist des Vogels Tritt im Schnee,
wenn er wandelt auf des Berges Höh':
zierlicher schreibt Liebchens liebe Hand,
schreibt ein Brieflein mir in ferne Land'.
 
In die Lüfte hoch ein Reiher steigt,
dahin weder Pfeil noch Kugel fleugt:
Tausendmal so hoch und so geschwind
die Gedanken treuer Liebe sind.
 


Der Tambour

(Eduard Mörike)

  
Wenn meine Mutter hexen könnt',
da müßt' sie mit dem Regiment,
nach Frankreich, überall mit hin,
und wär' die Marketen derin.
 
Im Lager wohl um Mitternacht,
wenn Niemand auf ist als die Wacht,
und Alles schnarchet, Roß und Mann,
vor meiner Trommel säß' ich dann:
 
Die Trommel müßt' eine Schüßel sein;
ein warmes Sauerkraut darein;
die Schlegel, Messer und Gabel,
eine lange Wurst mein Sabel,
 
Mein Tschako wär' ein Humpen gut,
den füll' ich mit Burgunderblut.
Und weil es mir an Lichte fehlt,
da scheint der Mond in mein Gezelt:
 
Scheint er auch auf Franzö'sch herein,
mir fällt doch meine Liebste ein:
ach weh! ach weh! ach weh! weh!
jetzt hat der Spaß ein End'!
 
Wenn nur meine Mutter hexen könnt'!
Wenn meine Mutter hexen könnt'!
 


Er ist's!

(Eduard Mörike )


Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!
 

 

Das verlassene Mägdlein

Eduard Mörike)


Früh, wann die Hähne krähn,
Eh die Sternlein schwinden,
Muß ich am Herde stehn,
Muß Feuer zünden.
 
Schön ist der Flamme Schein,
Es springen die Funken.
Ich schaue so darein,
in Leid versunken.
 
Plötzlich, da kommt es mir,
Treuloser Knabe,
Daß ich die Nacht von dir
Geträumet habe.
 
Träne auf Träne dann
Stürzet hernieder;
So kommt der Tag heran -
O ging er wieder!
 


Begegnung

(Eduard Mörike)


Was doch heut Nacht ein Sturm gewesen,
bis erst der Morgen sich geregt!
Wie hat der ungebetne Besen
Kamin und Gassen ausgefegt!
 
Da kommt ein Mädchen schon die Strßen,
das halb verschüchtert um sich sieht;
wie Rosen, die der Wind zerblasen,
so unstet ihr Gesichtchen glüht.
 
Ein schöner Bursch tritt ihr entgegen,
er will ihr voll Entzücken nahn:
wie sehn sich freudig und verlegen
die ungewohnten Schelme an!
 
Er scheint zu Tragen, ob das Liebchen
die Zöpfe schon zurecht gemacht,
die heute Nacht im offnen Stübchen
ein Sturm in Unordnung gebracht.
 
Der Bursche träumt noch von den Küßen,
die ihm das süße Kind getauscht,
er steht, von Anmuth hingerissen,
derweil sie um die Ecke rauscht.
 


Nimmersatte Liebe

(Eduard Mörike)

 
So ist die Lieb'! So ist die Lieb'!
Mit Küßen nicht zu stillen:
Eer ist der Thor und will ein Sieb
Mit eitel Wasser füllen?
Und schöpfst du an die tausend Jahr;
Und küßest ewig, ewig gar,
Du thust ihr nie zu Willen.
 
Die Lieb', die Lieb' hat alle Stund'
Neu wunderlich Gelüstern;
Wir bißen uns die Lippen wund,
Da wir uns heute küßten.
Das Mädchen hielt in guter Ruh',
wie's Lämmlein unter'm Messer;
ihr Auge bat: nur immer zu,
Je weher desto beßer!
 
So ist die Lieb', und war auch so,
wie lang es Liebe giebt,
Und anders war Herr Salomo,
Der Weise, nicht verliebt -
Und anders war Herr Salomo,
Der Weise, nicht verliebt.
 


Fußreise

(Eduard Mörike)

 
Am frischgeschnittnen Wanderstab,
Wenn ich in der Frühe
So durch Wälder ziehe,
Hügel auf und ab:
 
Dann, wie's Vöglein im Laube
Singet und sich rührt,
Oder wie die gold'ne Traube
Wonnegeister spürt
In der ersten Morgensonne:
 
So fühlt auch mein alter, lieber
Adam Herbst und Frühlingsfieber,
Gottbeherzte,
Nie verscherzte
Erstlings Paradiseswonne.
 
Also bist du nicht so schlimm, o alter
Adam, wie die strengen Lehrer sagen;
Liebst und lobst du immer doch,
Singst und preisest immer noch,
Wie an ewig neuen Schöpfungstagen,
Deinen lieben Schöpfer und Erhalter.
 
Möcht' es dieser geben
Und mein ganzes Leben
Wär' im leichten Wanderschweiße
Eine solche Morgenreise!
 
 
An eine Äolsharfe

(Eduard Mörike)

 
Angelehnt an die Efeuwand
Dieser alten Terrasse,
Du, einer luftgebor'nen Muse
Geheimnisvolles Saitenspiel,
Fang' an,
Fange wieder an
Deine melodische Klage!
Ihr kommet, Winde, fern herüber,
Ach! von des Knaben,
Der mir so lieb war,
Frischgrünendem Hügel.
Und Frühlingsblüten unterweges streifend,
Übersättigt mit Wohlgerüchen,
Wie süß, wie süß bedrängt ihr dies Herz!
Und säuselt her in die Saiten,
Angezogen von wohllautender Wehmut,
Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,
Und hinsterbend wieder.
Aber auf einmal,
Wieder Wind heftiger herstößt,
Ein holder Schrei der Harfe
Wiederholt mir zu süßem Erschrecken
Meiner Seele plötzliche Regung,
Und hier, die volle Rose streut geschüttelt
All' ihre Blätter vor meine Füße!
 
 
Verborgenheit

(Eduard Mörike)

 
Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laßt dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!
 
Was ich traure, weiß ich nicht,
Es ist unbekanntes Wehe;
Immerdar durch Tränen sehe
Ich der Sonne liebes Licht.
 
Oft bin ich mir kaum bewußt,
Und die helle Freude zücket
Durch die Schwere, so mich drücket,
Wonniglich in meiner Brust.
 
Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laßt dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!
 
 
Im Frühling

Eduard Mörike)

 
Hier lieg' ich auf dem Frühlingshügel;
die Wolke wird mein Flügel,
ein Vogel fliegt mir voraus.
Ach, sag' mir, all einzige Liebe,
wo du bleibst, daß ich bei dir bliebe!
Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.
 
Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüthe offen,
sehnend, sich dehnend in Lieben und Hoffen.
Frühling, was bist du gewillt?
Wenn werd' ich gestillt?
 
Die Wolke seh' ich wandeln und den Fluß,
es dringt der Sonne goldner Kuß
mir tief bis in's Geblüt hinein;
die Augen, wunderbar berauschet,
thun, als schliefen sie ein,
nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet.
 
Ich denke Diess und denke Das,
ich sehne mich, und weiß nicht recht, nach was:
halb ist es Lust, halb ist es Klage:
mein Herz, o sage,
was webst du für Erinnerung
in golden grünen Zweige Dämmerung?
Alte unnennbare Tage!
 


Agnes

(Eduard Mörike)


Rosenzeit! wie schnell vorbei,
schnell vorbei bist du doch gegangen!
Wär mein Lieb' nur blieben treu, blieben treu,
sollte mir nicht bangen.
 
Um die Ernte wohlgemut,
wohlgemuth Schnitterrinnen singen.
Aber, ach! mir kranken Blut, mir kranken Blut,
will nichts mehr gelingen.
 
Schleiche so durch's Wiesental,
so durch's Thal, als im Traum verloren,
nach dem Berg, da tausendmal,
tausend mal er mir Treu' geschworen.
 
Oben auf des Hügels Rand, abgewandt,
wein' ich bei der Linde;
an dem Hut mein Rosenband, von seiner Hand,
spielet in dem Winde.
 


Auf einer Wanderung

(Eduard Mörike)

 
In ein freundliches Städtchen tret' ich ein,
in den Straßen liegt rother Abendschein.
Aus einem offnen Fenster eben,
über den reichsten Blumenflor
hinweg, hört man Goldglocken töne schweben,
und eine Stimme scheint ein Nachtigallenchor,
daß die Blüthen beben,
daß die Lüfte leben,
daß in höherem Roth die Rosen leuchten vor.
 
Lang hielt ich staunend, lustbeklommen.
Wie ich hinaus vor's Thor gekommen,
ich weiß es wahrlich selber nicht.
Ach hier, wie liegt die Welt so licht!
Der Himmel wogt in purpurnem Gewühle,
rückwärts die Stadt in goldnem Rauch:
wie rauscht der Erlenbach,
wie rauscht im Grund die Mühle,
ich bin wie trunken, irrgeführt
o Muse, du hast mein Herz berührt
mit einem Liebeshauch!
 


Elfenlied
(
Eduard Mörike )


Bei Nacht im Dorf der Wächter rief:
Elfe! Ein ganz kleines Elfchen im Walde schlief
wohl um die Elfe!
Und meint, es rief ihm aus dem Thal
bei seinem Namen die Nachtigall,
oder Silpelit hätt' ihm gerufen.
 
Reibt sich der Elf' die Augen aus,
begibt sich vor sein Schneckenhaus
und ist als wie ein trunken Mann,
sein Schläflein war nicht voll gethan,
und humpelt also tippe tapp
durch's Haselholz in's Thal hinab,
schlupft an der Mauer hin so dicht,
da sitzt der Glühwurm Licht an Licht.
"Was sind das helle Fensterlein?
Da drin wird eine Hochzeit sein:
die Kleinen sitzen bei'm Mahle,
und treiben's in dem Saale.
Da guck' ich wohl ein wenig `nein'!"
 
Pfui, stößt den Kopf an harten Stein!
Elfe, gelt, du hast genug?
Gukuk! Elfe, gelt, du hast genug?
Gukuk! Gukuk!
Gukuk! Gukuk!
 


Der Gärtner

(Eduard Mörike)

 
Auf ihrem Leibrößlein
So weiß wie der Schnee,
Die schönste Prinzessin
Reit't durch die Allee.
 
Der Weg, den das Rößlein
Hintanzet so hold,
Der Sand, den ich streute,
Er blinket wie Gold!
 
Du rosenfarb's Hütlein
Wohl auf und wohl ab,
O wirf eine Feder,
Verstohlen herab!
 
Und willst du dagegen
Eine Blüte von mir,
Nimm tausend für eine,
Nimm alle dafür!
 


Zitronenfalter im April
(Eduard Mörike)


Grausame Frühlingssonne,
du weckst mich vor der Zeit,
dem nur in Maienwonne
die zarte Kost gedeiht!
 
Ist nicht ein liebes Mädchen hier,
das auf der Rosenlippe mir
ein Tröpfchen Honig beut,
so muß ich jämmerlich vegehn
und wird der Mai mich nimmer sehn
in meinem gelben Kleid
in meinem gelben Kleid.
 

 

Um Mitternacht

Eduard Mörike)


Gelassen stieg die Nacht an's Land,
lehnt träumend an der Berge Wand,
ihr Auge sieht die goldne Wage nun
der Zeit in gleichen Schalenstille ruhn;
und kecker rauschen die Quellen hervor,
sie singen der Mutter, der Nacht, in's Ohr
vom Tage, vom heute gewesenen Tage.
 
Das uralt alte Schlummerlied,
sie achtet's nicht, sie ist es müd';
ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
der flüchtgen Stunden gleich geschwung'nes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
es singen die Wasser im Schlafe noch fort
vom Tage, vom heute gewesenen Tage.
 


Auf eine Christblume I
(Eduard Mörike)


Tochter des Walds, du Lilienverwandte,
so lang von mir gesuchte, unbekannte,
im fremden Kirchhof, öd' und winterlich,
zum ersten mal, o schöne, find' ich dich!
 
Von welcher Hand gepflegt du hier erblühtest,
ich weiß es nicht, noch Wessen Grab du hütest;
ist es ein Jüngling, so geschah ihm Heil,
ist's eine Jungfrau, lieblich fiel ihr Theil.
 
Im nächt'gen Hain, von Schneelicht überbreitet,
wo fromm das Reh an dir vorüber weidet,
bei der Kapelle, am krystall'nen Teich,
dort sucht' ich deiner Heimath Zaberreich.
 
Schön bist du, Kind des Mondes, nicht der Sonne,
Dir wäre tödtlich andrer Blumen Wonne,
dicht nährt, den keuschen Leib voll Reif und Duft,
himmlischer Kälte balsam süße Luft.
 
In deines Busens goldner Fülle gründet
ein Wohlgeruch, der sich nur kaum verkündet;
so duftete, berührt von Engelshand,
der benedeiten Mutter Brautgewand.
 
Dich würden, mahnend an das heil'ge Leiden,
fünf Purpurtropfen schön und einzig kleiden:
Doch kindlich zierst du, um die Weihnachtszeit,
lichtgrün mit einem Hauch dein weißes Kleid.
 
Der Elfe, der in mitternächt'ger Stunde
zum Tanze geht im lichterhellen Grunde,
vor deiner mystischen Glorie steht er scheu
neugierig still von fern und huscht vorbei.
 


Auf eine Christblume II
(Eduard Mörike)


Im Winterboden schläft ein Blumenkeim
der Schmetterling, der einst um Busch und Hügel
in Frühlingsnächten wiegt den sammt'nen Flügel;
nie soll er kosten deinen Honigseim.
 
Wer aber weiß, ob nicht sein zarter Geist,
wenn jede Zier des Sommers hingesunken,
dereinst, von deinem leisen Duftetrunken,
mir unsichtbar, dich blühende umkreist?
 


Seufzer
(Eduard Mörike)


Dein Liebesfeuer,
ach Herr! wie theuer
wollt' ich es hegen,
wollt' ich es pflegen!
 
Hab's nicht geheget
und nicht gepfleget,
bin todt im Herzen
o Höllenschmerzen!
 


Auf ein altes Bild
(Eduard Mörike)


In grüner Landschaft Sommerflor,
Bei kühlem Wasser, Schilf, und Rohr,
Schau, wie das Knäblein Sündelos
Frei spielet auf der Jungfrau Schoss!
Und dort im Walde wonnesam,
Ach, grünet schon des Kreuzes Stamm!
 
 
In der Frühe
(Eduard Mörike)


Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,
Dort gehet schon der Tag herfür
An meinem Kammerfenster.
Es wühlet mein verstörter Sinn
Noch zwischen Zweifeln her und hin
Und schaffet Nacht gespenster.
 
Ängst'ge, quäle dich nicht länger, meine Seele!
Freu' dich! Schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.
 


Schlafendes Jesuskind
(Eduard Mörike)


Sohn der Jungfrau, Himmelskind! am Boden,
Auf dem Holz der Schmerzen eingeschlafen,
Das der fromme Meister, sinnvoll spielend,
Deinen leichten Träumen unterlegte;
Blume du, noch in der Knospe dämmernd
Eingehüllt die Herrlichkeit des Vaters!
 
O wer sehen könnte, welche Bilder
Hinter dieser Stirne, diesen schwarzen
Wimpern sich in sanftem Wechsel malen!
[Sohn der Jungfrau, Himmelskind!]
 

Karwoche
(
Eduard Mörike)


O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!
du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne,
du bretest imverjüngten Strahl der Sonne
des Kreuzes Schatten auf die lichte Erde,
 
und senkest schweigend deine Flöre nieder;
der Frühling darf indessen immer keimen,
das Veilchen duftet unter Blüthenbäumen
und alle Vöglein singen Jubellieder.
 
O schweigt, ihr Vöglein auf den grünen Auen!
es hallen rings die dumpfen Glockenklänge,
die Engel singen leise Grabgesänge;
o still, ihr Vöglein hoch im Himmelblauen!
 
Ihr Veilchen, kränzt heut keine Lockenhaare!
Euch pflückt mein frommes Kind zum dunklen Strausse,
ihr wandert mit zum Muttergotteshause,
da sollt ihr welken auf des Herrn Altare.
 
Ach dort, von Trauermelodieen trunken,
und süß betäubt von schweren Weihrauchdüften,
sucht sie den Bräutigam in Todesgrüften,
und Lieb' und Frühling, Alles ist versunken!
 


Zum neuen Jahr
(Eduard Mörike)

  
Wie heimlicher Weise
ein Engelein leise
mit rosigen Füßen
die Erde betritt,
so nahte der Morgen.
Jauchzt ihm, ihr Frommen,
ein heilig Wilkommen,
ein heilig Willkommen!
Herz, jauchze du mit!
 
In Ihm sei's begonnen,
der Monde und Sonnen
an blauen Gezelten
des Himmels bewegt.
Du, Vater, du rathe!
lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
sei Anfang und Ende,
sei Alles,
sei Alles gelegt!
 

 

Gebet
(
Eduard Mörike)


Herr, schicke was du willst,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß Beides
aus deinen Händen quillt.
Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten,
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.
 


An den Schlaf
(Eduard Mörike)


Schlaf! süßer Schlaf! obwohl dem Tod wie du nichts gleicht,
auf diesem Lager doch willkommen heiß' ich dich!
denn ohne Leben so, wie lieblich lebt es sich!
so weitt vom Sterben, ach, wie stirbt es sich so leicht!
 

 

Neue Liebe
(Eduard Mörike)


Kann auch ein Mensch des andern auf der Erde ganz,
Wie er möchte, sein?
In langer Nacht bedacht' ich mir's,
Und mußte sagen, nein!
So kann ich Niemands heißen auf der Erde,
 
Und Niemand wäre mein?
Aus Finsternißen hell in mir aufzückt ein Freudenschein:
Sollt' ich mit Gott nicht können sein,
So wie ich möchte, mein und Dein?
 
Was hielte mich, daß ich's nicht heute werde?
Ein süßes Schrecken geht durch mein Gebein!
Mich wundert, daß es mir ein Wunder wollte sein,
Gott selbst zu eigen haben auf der Erde!


 
Wo find' ich Trost
(Eduard Mörike)


Eine Liebe kenn' ich, die ist treu,
war getreu, so lang ich sie gefunden,
hat mit tiefem Seufzen immer neu,
stets versöhnlich, sich mit mir verbunden.
 
Welcher einst mit himmlischem Gedulden
bitter bittern Todestropfen trank,
hing am Kreuz und büßte mein Verschulden,
bis es in ein Meer von Gnade sank.
 
Und was ist's nun, daß ich traurig bin,
daß ich angstvoll mich am Boden winde?
Frage: Hüter, ist die Nacht bald hin?
Und: was rettet mich von Tod und Sünde?
 
Arges Herze! Ja gesteh' es nur,
du hast wieder böse Lust empfangen;
frommer Liebe, frommer Treue Spur,
ach, das ist auf lange nun vergangen.
 
Ja, daß ist's auch, daß ich traurig bin,
daß ich angstvoll mich am Boden winde!
Hüter, Hüter, ist die Nacht bald hin?
Und was rettet mich von Tod und Sünde?
 


An die Geliebte
(Eduard Mörike)


Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt,
Mich stumm an deinem heilgen Wert vergnüge,
Dann hör ich recht die leisen Atemzüge
Des Engels, welcher sich in dir verhüllt.
 
Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt
Auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge,
Daß nun in dir, zu ewiger Genüge,
Mein kühnster Wunsch, mein einzger, sich erfüllt?
 
Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn,
Ich höre aus der Gottheit nächtger Ferne
Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen.
 
Betäubt kehr ich den Blick nach oben hin,
Zum Himmel auf - da lächeln alle Sterne;
Ich knie, ihrem Lichtgesang zu lauschen.
 


Peregrina I
(
Eduard Mörike)


Der Spiegel dieser treuen, braunen Augen
ist wie von innerm Gold ein Wiederschein;
tief aus dem Busen scheint er's anzusaugen,
dort mag solch Gold in heil'gem Gram gedeihn.
 
In diese Nacht des Blickes mich zu tauchen,
unwissend Kind, du selber lädst mich ein
willst, ich soll kecklich mich und dich entzünden,
reichst lächelnd mir den Tod im Kelch der Sünden!
 


Peregrina II
(
Eduard Mörike)


Warum, Geliebte, denk' ich dein
auf Einmal nun mit tausend Thränen
und kann gar nicht zufrieden sein,
und will die Brust in alle Weite dehnen?
Ach, gestern in den hellen Kindersaal,
bei'm Flimmer zierlich aufgesteckter Kerzen,
 
wo ich mein selbst vergaß in Lärm und Scherzen,
tratst du, o Bildniß mitleidschöner Qual;
es war dein Geist, ersetzte sich an's Mahl,
fremd saßen wir mit stummverhalt'nen Schmerzen;
zuletzt brach ich in lautes Schluchzen aus,
und Hand in Hand verließen wir das Haus.
 


Frage und Antwort
(Eduard Mörike)


Fragst du mich, woher die bange Liebe mir zum Herzen kam,
und warum ich ihr nicht lange schon den bittern Stachel nahm?
Sprich, warum mit Geisterschnelle wohl der Wind die Flügel rührt,
und woher die süße Quelle die verborgnen Wasser führt?
Banne du auf seiner Fährte mir den Wind in vollem Lauf!
Halte mit der Zaubergerte du die süßen Quellen auf!
 


Lebe wohl
(Eduard Mörike)


"Lebe wohl!" Du fühlest nicht,
Was es heißt, dies Wort der Schmerzen;
Mit getrostem Angesicht
Sagtest du's und leichtem Herzen.
 
Lebe wohl! Ach! tausendmal
Hab' ich mir es vorgesprochen,
Und in nimmersatter Qual
Mir das Herz damit gebrochen!
 


Heimweh
(
Eduard Mörike)


Anders wird die Welt mit jedem Schritt,
den ich weiter von der Liebsten mache;
mein Herz, das will nicht weiter mit.
Hier scheint die Sonne kalt in's Land,
hier däucht mir Alles unbekannt,
sogar die Blumen am Bache!
Hat jede Sache so fremd eine Miene, so falsch ein Gesicht.
Das Bächlein murmelt wohl und spricht:
armer Knabe, komm bei mir vorüber,
siehst auch hier Vergißmeinnicht!
Ja, die sind schön an jedem Ort,
aber nicht wie dort.
Fort, nur fort!
Die Augen gehn mir über!
 
 

Lied vom Winde
(Eduard Mörike)


Sausewind, Brausewind!
dort und hier!
Sausewind, Brausewind!
deine Heimath sage mir!
"Kindlein, wir fahren
seit viel vielen Jahren
durch die Welt,
und möchten's erfragen,
die Antwort erjagen,
bei den Bergen, den Meeren,
bei des Himmels klingenden Heeren,
die wissen es nie.
Bist du klüger als sie,
magst du es sagen.
Fort, wohl auf!
Halt' uns nicht auf!
Kommen andre nach,
unsre Brüder,
da frag' wieder."
Halt' an! Gemach,
eine kleine Frist!
Sagt, wo der Liebe Heimath ist,
ihr Anfang, ihr Ende?
"Wer's nennen könnte!
Schelmisches Kind,
Lieb' ist wie Wind,
rasch und lebendig,
ruhet nie,
ewig ist sie,
aber nicht immer beständig.
Fort! Wohlauf!
halt' uns nicht auf!
Fort über Stoppel und Wälder und Wiesen!
Wenn ich dein Schäzchen seh',
will ich es grüßen.
Kindlein, Ade!
Ade!
Ade!"
 


Denk' es, o Seele!
(Eduard Mörike)


Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß! im Walde,
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk' es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.
 
Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh'
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!



Der Jäger

Eduard Mörike)


Drei Tage Regen fort und fort,
kein Sonnenschein zur Stunde;
drei Tage lang kein gutes Wort
aus meiner Liebsten Munde!
 
Sie trutzt mit mir und ich mit ihr,
so hat sie's haben wollen;
mir aber nagt's am Herzen hier,
das Schmollen und das Grollen.
 
Willkommen denn, des Jägers Lust,
Gewittersturm und Regen:
fest zugeknöpft die heiße Brust,
und jauchzend euch entgeben!
 
Nun sitzt sie wohl daheim und lacht
und scherzt mit den Geschwistern;
ich höre in des Waldes Nacht
die alten Blätter flüstern.
 
Nun sitzt sie wohl und weinet laut
im Kämmerlein in Sorgen;
mir ist es wie dem Wilde traut
in Finsterniß geborgen.
 
Kein Hirsch und Rehlein überall!
Ein Schuß zum Zeit vertreibe!
Gesunder Knall und Wiederhall
erfrischt das Mark im Leibe.
 
Doch wie der Donner nun verhallt
in Thälern, durch die Runde,
ein plötzlich Weh mich überwallt,
mir sinkt das Herz zu Grunde.
 
Sie trutzt mit mir und ich mit ihr,
so hat sie's haben wollen,
mir aber frißt's am Herzen hier,
das Schmollen und das Grollen.
 
Und auf! Und nach der Liebsten Haus!
und sie gefaßt um's Mieder!
"Drück' mir die naßen Locken aus,
und küß' und hab' mich wieder!"
 


Rat einer Alten

(Eduard Mörike)


Bin jung gewesen, kann auch mit reden,
und alt geworden, drum gilt mein Wort.
Schön reife Beeren am Bäumchen hangen:
Nachbar, da hilft kein Zaun um den Garten;
lustige Vögel wissen den Weg.
 
Aber, mein Dirnchen, du laß dir rathen:
halte dein Schätzchen wohl in der Liebe,
wohl in Respekt!
Mit den zwei Fädlein in Eins gedrehet,
ziest du am Kleinen Finger ihn nach.
 
Aufrichtig Herze, doch schweigen können,
früh mit der Sonne muthig zur Arbeit,
gesunde Glieder, saubere Linnen.
das machet Mädchen und Weibchen werth.
 
Bin jung gewesen, kann auch mit reden,
und alt geworden, drum gilt mein Wort.
 


Erstes Liebeslied eines Mädchens
(Eduard Mörike)


Was im Netze? Schau einmal!
Aber ich bin bange;
Greif' ich einen süßen Aal?
Greif' ich eine Schlange?
 
Lieb' is blinde Fischerin;
Sagt dem Kinde, wo greift's hin?
 
Schon schnellt mir's in Händen!
Ach Jammer! O Lust!
Mit Schmiegen und Wenden
mir schlüpft's an die Brust.
 
Es beißt sich, o Wunder!
Mir keck durch die Haut,
schießt's Herze hinunter!
O Liebe, mir graut!
 
Was thun, was beginnen?
Das schaurige Ding,
Es schnalzet dadrinnen,
Es legt sich im Ring.
 
Gift muß ich haben!
Hier schleicht es herum,
Thut wonniglich graben
Und bringt mich noch um!
 


Lied eines Verliebten
(Eduard Mörike)


In aller Früh, ach, lang vor Tag,
weckt mich mein Herz, an dich zu denken,
da doch gesunde Jugend schlafen mag.
Hell ist mein Aug' um Mitternacht,
heller als frühe Morgenglocken:
wann hätt'st du je am Tage mein gedacht?
Wär' ich ein Fischer, stünd' ich auf,
trüge mein Netz hinab zum Fluße,
trüg' herzlich froh die Fische zum Verkauf.
In der Mühle, bei Licht,
der Mühlerknecht tummelt sich,
alle Gänge klappern;
so rüstig Treiben wär' mir eben recht!
Weh, aber ich! o armer Tropf!
muß auf dem Lager mich müßig grämen,
ein ungeberdig Mutterkind im Kopf.
 


Der Feuerreiter
(Eduard Mörike)


Sehet ihr am Fensterlein
Dort die rote Mütze wieder?
Nicht geheuer muß es sein,
Denn er geht schon auf und nieder.
Und auf einmal welch Gewühle
Bei der Brücke nach dem Feld!
Horch! das Feuerglöcklein gellt:
Hinterm Berg,
Hinterm Berg
Brennt es in der Mühle!
 
Schaut, da sprengt er wütend schier
Durch das Tor, der Feuerreiter,
Auf dem rippendürren Tier,
Als auf einer Feuerleiter!
Querfeldein, durch Qualm und Schwüle,
Rennt er schon und ist am Ort!
Drüben scallt es fort und fort:
Hinterm Berg,
Hinterm Berg,
Brennt es in der Mühle!
 
Der so oft den roten Hahn
Meilenweit von fern gerochen,
Mit des heil'gen Kreuzes Span
Freventlich die Glut besprochen -
Weh! dir grinst vom Dachgestühle
Dort der Feind im Höllenschein.
Gnade Gott der Seele dein!
Hinterm Berg,
Hinterm Berg,
Rast er in der Mühle!
 
Keine Stunde hielt es an,
Bis die Mühle borst in Trümmer;
Doch den kecken Reitersmann
Sah man von der Stunde nimmer.
Volk und Wagen im Gewühle
Kehren heim von all dem Graus;
Auch das Glöcklein klinget aus:
Hinterm Berg,
Hinterm Berg,
Brennt's! -
 
Nach der Zeit ein Müller fand
Ein Gerippe samt der Mützen
Aufrecht an der Kellerwand
Auf der beinern Mähre sitzen:
Feuerreiter, wie so kühle
Reitest du in deinem Grab!
Husch! da fällt's in Asche ab.
Ruhe wohl,
Ruhe wohl
Drunten in der Mühle!
 


Nixe Binsefuß
(
Eduard Mörike)

 
Des Wassermanns sein Töchterlein
tanzt auf dem Eis im Vollmondschein,
sie singt und lachet sonder Scheu
wohl an des Fischers Haus vorbei.
 
"Ich bin die Jungfer Binsefuß,
und meine Fisch' wohl hüten muß,
meine Fisch' die sind im Kasten,
sie haben kalte Fasten;
 
von Böhmerglas mein Kasten ist,
da zähl' ich sie zu jeder Fris.
Gelt, Fischermatz? gelt, aler Tropf,
dir will der Winter nicht in Kopf?
 
Komm mir mit deinen Netzen!
die will ich schön zerfetzen!
Dein Mägdlein zwar ist fromm und gut,
ihr Schatz ein braves Jägerblut.
 
Drum häng' ich ihr, zum Hochzeitsstrauß,
ein schilfen Kränzlein vor das Haus,
und einen Hecht, von Silber schwer,
er stammt von König Artus her,
 
ein Zwergen Goldschmids Meisterstück,
wer's hat, dem bringt es eitel Glück:
er läßt sich schuppen Jahr für Jahr,
da sind's fünfhundert Gröschlein baar.
 
Ade, mein Kind! Ade für heut!
Der Morgenhahn im Dorfe schreit."
 


Gesang Weylas
(Eduard Mörike)

 
Du bist Orplid, mein Land!
Das ferne leuchtet;
Vom Meere dampfet dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.
 
Uralte Wasser steigen
Verjüngt um deine Hüften, Kind!
Vor deiner Gottheit beugen
Sich Könige, die deine Wärter sind.
 


Die Geister am Mummelsee
(Eduard Mörike)

  
Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät
mit Fackeln so prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
Mir klingen die Lieder so munter.
 
O mein!
so sage, was mag es wohl sein?
 
Das, was du siehest, ist Todtengeleit,
und was du da hörest, sind Klagen.
Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid,
sie bringen ihn wieder getragen.
O weh! so sind es die Geister vom See!
 
Sie schweben herunter in's Mummelseethal -
sie haben die See schon betreten -
sie rühren und netzen den Fuß nicht ein mal -
sie schwirren in leisen Gebeten -
 
O schau'
am Sarge die glänzende Frau!
 
Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Thor;
gieb Acht, nun tauchen sie nieder!
Es schwankt eine lebende Treppe hervor,
und drunten schon summen die Lieder.
 
Hörst du?
sie singen ihn unten zur Ruh.
 
Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!
Sie spielen in grünendem Feuer;
es geisten die Nebel am Ufer dahin,
zum Meere verzieht sich der Weiher nur still!
ob dort sich nichts rühren will?
 
Es zuckt in der Mitten - o Himmel! ach hilf!
nun kommen sie wieder, sie kommen!
es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf;
nur hurtig, die Flucht nur genommen!
 
Davon! sie wiltern, sie haschen, sie wittern, sie haschen,
sie wittern, sie haschen mich schon!
 

 

Storchenbotschaft
(Eduard Mörike)


Des Schäfers sein Haus und das steht auf zwei Rad,
steht hoch auf der Heiden, so frühe, wie spat;
und wenn nur ein Mancher so'n Nachtquartier hätt'!
Ein Schäfer tauscht nicht mit dem König sein Bett.
 
Und käm' ihm zur Nacht auch was Seltsames vor,
er betet sein Sprüchel und legt sich auf's Ohr;
ein Geistlein, ein Hexlein, so luftige Wicht',
sie klopfen ihm wohl, doch er antwortet nicht.
 
Einmal doch, da ward es ihm wirklich zu bunt:
es knopert am Laden, es winselt der Hund;
nun ziehet mein Schäfer den Riegel - ei schau!
da stehen zwei Störche, der Mann und die Frau.
 
Das Pärchen, es machet ein schön Compliment,
es möchte gern reden, ach, wenn es nur könnt'!
Was will mir das Ziefer? ist so was erhört?
Doch ist mir wohl fröhliche Botschaft beschert.
 
Ihr seid wohl dahinten zu Hause am Rhein?
Ihr habt wohl mein Mädel gebissen in's Bein?
nun weinet das Kind und die Mutter noch mehr,
sie wünschet den Herzallerliebsten sich her?
 
und wünsche daneben die Taufe bestellt:
ein Lämmlein, ein Würstlein, ein Beutelein Geld?
so sagt nur, ich käm' in zwei Tag oder drei,
und grüßt mir mein Bübel und rührt ihm den Brei!
 
Doch halt! warum stellt ihr zu Zweien euch ein?
es werden doch, hoff' ich, nicht Zwillinge sein?
da klappern die Störche im lustigsten Ton,
sie nikken und knixen und fliegen davon.
 


Zur Warnung
(Eduard Mörike)


Einmal nach einer lustigen Nacht
war ich am Morgen seltsam auf gewacht:
Durst, Wasserscheu, ungleich Geblüt;
dabei gerührt und weichlich im Gemüth,
beinah poetisch, ja, ich bat die Muse um ein Lied.
Sie, mit verstelltem Pathos, spottet' mein,
gab mir den schnöden Bafel ein:
"Es schlagt eine Nachtigall
am Wasserfall;
und ein Vogel ebenfalls,
der schreibt sich Wendehals,
Johann Jakob Wendehals;
der thut tanzen
bei den Pflanzen
ob bemeldten Wasserfalls."
so ging es fort;
mir wurde immer bänger.
Jetzt sprang ich auf: zum Wein!
Der war denn auch mein Retter.
Merkt's euch, ihr thränenreichen Sänger,
im Katzenjammer ruft man keine Götter!
 


Auftrag
(
Eduard Mörike)


In poetischer Epistel
Ruft ein desperater Wicht:
Lieber Vetter! Vetter Christel!
Warum schreibt Er aber nicht?
 
Weiß Er doch, es lassen Herzen,
Die die Liebe angeweht,
Ganz und gar nicht mit sich scherzen,
Und nun vollends ein Poet!
 
Denn ich bin von dem Gelichter,
Dem der Kopf beständig voll;
Bin ich auch nur halb ein Dichter,
Bin ich doch zur Hälfte toll.
 
Amor hat Ihn mir verpflichtet,
Seinen Lohn weiß Er voraus,
Und der Mund, der Ihm berichtet,
Geht dabei auch leer nicht aus.
 
Pass' Er denn zur guten Stunde,
Wenn Sein Schatz durch's Lädchen schaut,
Lock' ihr jedes Wort vom Munde,
Das mein Schätzchen ihr vertraut.
 
Schreib' Er mit dann von dem Mädchen
Ein halb Dutzend Bogen voll,
Und daneben ein Tractätchen,
Wie ich mich verhalten soll, wie ich mich verhalten soll.
 


Bei einer Trauung
(Eduard Mörike)


Vor lauter hochadligen Zeugen
copulirt man ihrer Zwei;
die Orgel hängt voll Geigen,
der Himmel nicht, mein' Treu!
 
Seht doch, sie weintt ja gräulich,
er macht ein Gesicht abscheulich!
Denn leider frelich, freilich
keine Lieb' ist nicht dabei.
 


Selbstgeständniss
(Eduard Mörike)


Ich bin meiner Mutter einzig Kind,
und weil die andern ausblieben sind,
was weiß ich wieviel, die Sechs oder Sieben,
ist eben Alles an mir hängen blieben;
Ich hab' müßen die Liebe,
die Treue, die Güte
für ein ganz halb Dutzend allein aufessen,
ich will's mein Lebtag nicht vergessen.
Es hätte mir aber noch wohl mögen frommen,
hätt' ich nur auch Schläg' für Sechse bekommen.
 


Abschied
(Eduard Mörike)


Unangeklopft ein Herr tritt Abends bei mir ein:
"Ich habe die Ehr', Ihr Recensent zu sein!"
Sofort nimmt er das Licht in die Hand,
besieht lang meinen Schatten an der Wand,
rückt nah und fern: "Nun, lieber junger Mann,
sehn Sie doch gefälligst mal Ihre Nas' so von der Seite an!
Sie geben zu, daß das ein Auswuchs is'."
Das? Alle Wetter gewiß!
Ei Hasen! ich dachte nicht, all' mein Lebtage nicht,
daß ich so eine Weltsnase führt' im Gesicht!
Der Mann sprach noch Verschied'nes hin und her,
ich weiß, auf meine Ehre, nicht mehr;
meinte vielleicht, ich sollt' ihm beichten.
Zuletzt stand er auf; ich that ihm leuchten.
Wie mir nun an der Treppe sind,
da geb' ich ihm, ganz froh gesinnt,
einen kleinen Tritt,
nur so von hinten aufs Gesäße mit -
alle Hagel! ward das ein Gerumpel,
ein Gepurzel, ein Gehumpel!
Dergleichen hab' ich nie gesehn, all' mein Lebtage nicht gesehn
einen Menschen so rasch die Trepp' hinabgehn!

 

Nun bin ich dein (Juan Ruiz de Hita/Heyse)
(Spanisches Liederbuch, nach Heyse und Geibel)

 
Nun bin ich dein, du aller Blumen Blume,
und sing allein allstund zu deinem Ruhme;
will eifrig sein, mich dir zu weih'n
und deinen Dulderthume.
Frau, auserlesen, zu dir steht all mein Hoffen,
mein innerst Wesen ist allezeit dir offen.
Komm, mich zu lösen vom Fluch des Bösen,
der mich so hart betroffen!
Du Stern der See, du Port der Wonnen,
von der im Weh die Wunden Heil gewonnen,
eh' ich vergeh' blick' aus der Höh,
du Königin der Sonnen!
Nie kann versiegen die Fülle deiner Gnaden;
du hilfst zum Siegen dem der mit Schmach beladen.
An dich sich schmiegen,
zu deinen Füßen liegen
heilt allen Harm und Schaden.
Ich leide schwer und wohl verdiente Strafen.
Mir bangt so sehr, bald Todesschlaf zu schlafen.
Tritt du einher, und durch das Meer,
o führe mich zu Hafen.



Die du Gott gebarst, du Reine (Nicolas Nuñez/Heyse)
Spanisches Liederbuch, nach Heyse und Geibel

 Die du Gott gebarst, du Reine,
Und alleine uns gelöst aus unsern Ketten,
Mach mich fröhlich, der ich weine,
Denn nur deine Huld und Gnade mag uns retten.
 
Herrin, ganz zu dir mich wende,
Daß sich ende diese Qual und dieses Grauen,
Daß der Tod mich furchtlos fände,
Und nicht blende mich das Licht der Himmelsauen.
 
Weil du unbefleckt geboren,
Auserkoren zu des ew'gen Ruhmes Stätten
Wie mich Leiden auch um floren,
Unverloren bin ich doch, willst du mich retten.
 


Nun wandre, Maria (Ocaña/Heyse)
Spanisches Liederbuch, nach Heyse und Geibel

 Nun wandre, Maria,
Nun wandre nur fort.
Schon krähen die Hähne,
Und nah ist der Ort.
 
Nun wandre, Geliebte,
Du Kleinod mein,
Und balde wir werden
In Bethlehem sein.
 
Dann ruhest du fein
Und schlummerst dort.
Schon krähen die Hähne
Und nah ist der Ort.
 
Wohl seh ich, Herrin,
Die Kraft dir schwinden;
Kann deine Schmerzen,
Ach, kaum verwinden.
 
Getrost! Wohl finden
Wir Herberg dort.
Schon krähen die Hähne
Und nah ist der Ort.
 
Wär erst bestanden
Dein Stündlein, Marie,
Die gute Botschaft,
Gut lohnt ich sie.
 
Das Eselein hie
Gäb ich drum fort!
Schon krähen die Hähne
Und nah ist der Ort.
 

Die ihr schwebet (Lope de Vega/Geibel)
Spanisches Liederbuch, nach Heyse und Geibel

 Die ihr schwebet
Um diese Palmen
In Nacht und Wind,
Ihr heilgen Engel,
Stillet die Wipfel!
Es schlummert mein Kind.
 
Ihr Palmen von Bethlehem
Im Windesbrausen,
Wie mögt ihr heute
So zornig sausen!
O rauscht nicht also!
Schweiget, neiget
Euch leis und lind;
Stillet die Wipfel!
Es schlummert mein Kind.
 
Der Himmelsknabe
Duldet Beschwerde,
Ach, wie so müd er ward
Vom Leid der Erde.
Ach nun im Schlaf ihm
Leise gesänftigt
Die Qual zerrinnt,
Stillet die Wipfel!
Es schlummert mein Kind.
 
Grimmige Kälte
Sauset hernieder,
Womit nur deck ich
Des Kindleins Glieder!
O all ihr Engel,
Die ihr geflügelt
Wandelt im Wind,
Stillet die Wipfel!
Es schlummert mein kind.
 


Führ mich, Kind nach Bethlehem (Anon./Heyse)
Spanisches Liederbuch, nach Heyse und Geibel

 Führ mich, Kind nach Bethlehem!
Dich, mein Gott, dich will ich sehn.
Wenn geläng' es, wem,
Ohne dich zu dir zu gehn!
 
Rüttle mich, daß ich erwache,
Rufe mich, so will ich schreiten;
Gieb die Hand mir, mich zu leiten,
Daß ich auf den Weg mich mache.
 
Daß ich schaue Bethlehem,
Dorten meinen Gott zu sehn.
Wem geläng' es, wem,
Ohne dich zu dir zu gehn!
 
Von der Sünde schwerem Kranken
Bin ich träg und dumpf beklommen.
Willst du nicht zu Hülfe kommen,
Muß ich straucheln, muß ich schwanken.
 
Leite mich nach Bethlehem,
Dich, mein Gott, dich will ich sehn.
Wem geläng' es, wem,
Ohne dich zu dir zu gehn!


 
Ach, des Knaben Augen (Lopez de Ubeda/Heyse)

(Spanisches Liederbuch)

 Ach, des Knaben Augen sind
Mir so schön und klar erschienen,
Und ein Etwas strahlt aus ihnen,
Das mein ganzes Herz gewinnt.
 
Blickt' er doch mit diesen süßen
Augen nach den meinen hin!
Säh er dann sein Bild darin,
Würd' er wohl mich liebend grüßen.
 
Und so geb' ich ganz mich hin,
Seinen Augen nur zu dienen,
Denn ein Etwas strahlt aus ihnen,
Das mein ganzes Herz gewinnt.



Mühvoll komm' ich und beladen (orig.
Geibel, pseud. Manuel del Rio)

(Spanisches Liederbuch)

 Müh'voll komm' ich und beladen,
nimm mich an, du Hort der Gnaden!
Sieh, ich komm' in Tränen heiß
mit demüthiger Geberde,
dunkel ganz vom Staub der Erde.
Du nur schaffest, daß ich weiß
wie das Vließ der Lämmer werde.
Tilgen willst du ja den Schaden
dem der reuig dich umfaßt;
nimm denn, Herr, von mir die Last,
müh'voll komm' ich und beladen.
Laß mich flehend vor dir knie'n,
daß ich über deine Füße
Nardenduft und Tränen gieße,
gleich dem Weib, dem du verzieh'n,
bis die Schuld wie Rauch zerfließe.
Der den Schächer du geladen:
"Heute noch in Edens Bann wirst du sein!"
O nimm mich an, nimm mich an, du Hort der Gnaden!
 


Ach, wie lang die Seele schlummert! (Anon./Geibel)
(Spanisches Liederbuch)

 Ach, wie lang die Seele schlummert!
Zeit ist's, daß sie sich ermuntre.
Daß man todt sie wähnen dürfte,
also schläft sie schwer und bang,
Seit sie jener Rausch bezwang
Den in Sündengift sie schlürfte.
Doch nun ihrer Sehnsucht Licht
Blendend ihr in's Auge bricht:
Zeit ist's, daß sie sich ermuntre.
Mochte sie gleich taub erscheinen
Bei der Engel süßem Chor:
Lauscht sie doch wohl zag empor,
Hört sie Gott als Kindlein weinen.
Da nach langer Schlummernacht
Solch ein Tag der Gnad' ihr lacht,
Zeit ist's, daß sie sich ermuntre.


 
Herr, was trägt der Boden hier (Anon./Heyse)
(Spanisches Liederbuch)

 Herr, was trägt der Boden hier,
Den du tränkst so bitterlich?
"Dornen, liebes Herz, für mich,
Und für dich der Blumen Zier."
 
Ach, wo solche Bäche rinnen,
Wird ein Garten da gedeihn?
"Ja, und wisse! Kränzelein,
Gar verschiedne, flicht man drinnen."
 
O mein Herr, zu wessen Zier
Windet man die Kränze? sprich!
"Die von Dornen sind für mich,
Die von Blumen reich ich dir."
 


Wunden trägst du mein Geliebter (José de Valdivielso/Geibel)
(Spanisches Liederbuch)

 
Wunden trägst du mein Geliebter,
Und sie schmerzen dich;
Trüg' ich sie statt deiner, ich!
Herr, wer wagt' es so zu färben
Deine Stirn mit Blut und Schweiß?
"Diese Male sind der Preis,
Dich, o Seele, zu erwerben.
An den Wunden muß ich sterben,
Weil ich dich geliebt so heiß."
Könnt' ich, Herr, für dich sie tragen,
Da es Todeswunden sind.
"Wenn dies Leid dich rührt, mein Kind,
Magst du Lebenswunden sagen:
Ihrer keine ward geschlagen,
Draus für dich nicht Leben rinnt."
Ach, wie mir in Herz und Sinnen
Deine Qual so wehe thut!
"Härtres noch mit treuem Muth
Trüg' ich froh, dich zu gewinnen;
Denn nur der weiß recht zu minnen,
Der da stirbt vor Liebesgluth."
Wunden trägst du mein Geliebter,
Und sie schmerzen dich;
Trüg' ich sie statt deiner, ich!
 

 

 

Klinge, klinge, mein Pandero (Alvaro Fernandez de Almeida/Geibel)
(Perchtoldsdorf, 20 novembre 1889) – Sol min. 
 
Klinge, klinge, mein Pandero,
doch an andres denkt mein Herz.
Wenn du, muntres Ding,
verständest meine Qual
und sie empfändest,
jeden Ton, den du entsendest,
würde klagen meinen Schmerz.
 
Bei des Tanzes Drehn und
Neigen schlag' ich wild
den Takt zum Reigen,
daß nur die Gedanken schweigen,
die mich mahnen an den Schmerz.
 
Ach, ihr Herrn, dann will im Schwingen
oftmals mir die Brust zerspringen,
und zum Angstschrei wird mein Singen,
denn an andres denkt mein Herz.
 


In dem Schatten meiner Locken (Anon./Heyse)

(Perchtoldsdorf, 17 novembre 1889) – Sib magg. 
 
In dem Schatten meiner Locken
Schlief mir mein Geliebter ein.
Weck ich ihn nun auf? - Ach nein!
 
Sorglich strählt ich meine krausen
Locken täglich in der Frühe,
Doch umsonst ist meine Mühe,
weil die Winde sie zerzausen.
Lockenschatten, Windessausen
Schläferten den Liebsten ein.
Weck ich ihn nun auf? - Ach nein!
 
Hören muß ich, wie ihn gräme,
Daß er schmachtet schon so lange,
Daß ihm Leben geb und nehme
Diese meine braune Wange,
Und er nennt mich eine Schlange,
Und doch schlief er bei mir ein.
Weck ich ihn nun auf? - Ach nein!
 


Seltsam ist Juanas Weise (Anon./Geibel)
(Perchtoldsdorf, 14 novembre 1889) – Sol min. 


Seltsam ist Juanas Weise.
Wenn ich steh' in Traurigkeit,
wenn ich seufz' und sage: heut,
"morgen" spricht sie leise.
 
Trüb' ist sie, wenn ich mich freue;
lustig singt sie, wenn ich weine;
sag' ich, daß sie hold mir scheine,
spricht sie, daß sie stets mich scheue.
Solcher Grausamkeit Beweise brechen mir das Herz in Leid -
wenn ich seufz' und sage: heut,
"morgen" spricht sie leise.
 
Heb' ich meine Augenlider,
weiß sie stets den Blick zu senken;
um ihn gleich empor zu lenken,
schlag' ich auch den meinen nieder.
Wenn ich sie als Heil'ge preise,
nennt sie Dämon mich im Streit,
wenn ich seufz' und sage: heut,
"morgen" spricht sie leise.
 
Sieglos heiß' ich auf der Stelle,
rühm' ich meinen Sieg bescheiden,
hoff' ich auf des Himmels Freuden,
prophezeit sie mir die Hölle.
Ja, so ist ihr Herz von Eise,
säh' sie sterben mich vor Leid,
hörte mich noch seufzen:
heut, "morgen" spräch' sie leise.
 


Treibe nur mit Lieben Spott (Anon./Heyse)
(Perchtoldsdorf, 15 novembre 1889) – Sol min. 
 
Treibe nur mit Lieben Spott, Geliebte mein;
spottet doch der Liebesgott dereinst auch dein!
Magst an Spotten nach Gefallen du dich weiden;
von dem Weibe kommt uns Allen Lust und Leiden.
Treibe nur mit Lieben Spott, Geliebte mein;
spottet doch der Liebesgott dereinst auch dein!
 
Bist auch jetzt zu stolz zum Minnen, glaub', o glaube:
Liebe wird dich doch gewinnen sich zum Raube,
wenn du spottest meiner Noth, Geliebte mein,
spottet doch der Liebesgott dereinst auch dein!
 
Wer da lebt in Fleisch, er wäge alle Stunden:
Amor schläft und plötzlich rege schlägt er Wunden.
Treibe nur mit Lieben Spott, Geliebte mein;
spottet doch der Liebesgott dereinst auch dein!
 


Auf dem grünen Balkon (orig. Heyse?)
(Perchtoldsdorf, 12 dicembre 1889) – La magg. 
 
Auf dem grünen Balkon mein Mädchen
Schaut nach mir durch's Gitterlein.
Mit den Augen blinzelt sie freundlich,
Mit dem Finger sagt sie mir: Nein!
 
Glück, das nimmer ohne Wanken
Junger Liebe folgt hienieden,
Hat mir eine Lust beschieden,
Und auch da noch muß ich schwanken.
Schmeicheln hör ich oder Zanken,
Komm ich an ihr Fensterlädchen.
Immer nach dem Brauch der Mädchen
Träuft ins Glück ein bißchen Pein:
Mit den Augen blinzelt sie freundlich,
Mit dem Finger sagt sie mir: Nein!
 
Wie sich nur in ihr vertragen
Ihre Kälte, meine Glut?
Weil in ihr mein Himmel ruht,
Seh ich Trüb und Hell sich jagen.
In den Wind gehn meine Klagen,
Daß noch nie die süße Kleine
Ihre Arme schlang um meine;
Doch sie hält mich hin so fein -
Mit den Augen blinzelt sie freundlich,
Mit dem Finger sagt sie mir: Nein!
 


Wenn du zu den Blumen gehst (Anon./Heyse)

(Perchtoldsdorf, 1 novembre 1889) – La magg.
 
Wenn du zu den Blumen gehst,
pflücke die schönsten,
dich zu schmücken.
Ach, wenn du in dem Gärtlein stehst,
müßtest du dich selber pflücken.
 
Alle Blumen wissen ja,
daß du hold bist ohne gleichen.
Und die Blume, die dich sah
Farb' und Schmuck muß ihr erbleichen.
 
Wenn du zu den Blumen gehst,
pflücke die schönsten,
dich zu schmücken.
Ach, wenn du in dem Gärtlein stehst,
müßtest du dich selber pflücken.
 
Lieblicher als Rosen sind die Küße,
die dein Mund verschwendet,
weil der Reiz der Blumen endet,
wo dein Liebreiz erst beginnt.
 
Wenn du zu den Blumen gehst,
pflücke die schönsten,
dich zu schmücken.
Ach, wenn du in dem Gärtlein stehst,
müßtest du dich selber pflücken.
 


Wer sein holdes Lieb verloren (Anon./Geibel)
(Perchtoldsdorf, 28 ottobre 1889) – Fa# min. 
 
Wer sein holdes Lieb verloren,
weil er Liebe nicht versteht,
besser wär' er nie geboren.
Ich verlor sie dort im Garten,
da sie Rosen brach und Blüthen.
Hell auf ihren Wangen glühten
Scham und Lust in holder Zier.
Und von Liebe sprach sie mir;
doch ich größter aller Thoren
wußte keine Antwort ihr
wär' ich nimmermehr geboren.
Ich verlor sie dort im Garten,
da sie sprach von Liebesplagen,
denn ich wagte nicht zu sagen,
wie ich ganz ihr eigen bin.
In die Blumen sank sie hin;
doch ich größter aller Thoren
zog auch davon nicht Gewinn,
wär' ich nimmermehr geboren!
Wer sein holdes Lieb verloren,
weil er Liebe nicht versteht,
besser wär' er nie geboren.
 


Ich fuhr über Meer (Anon./Heyse)
(Perchtoldsdorf, 31 ottobre 1889) – Si min. 
 
Ich fuhr über See,
ich zog über Land,
das Glück das fand ich nimmermehr.
Die Andern umher wie jubelten sie!
Ich jubelte nie!
 
Nach Glück ich jagte,
an Leiden krankt' ich;
als Recht verlangt' ich was Liebe versagte.
Ich hofft' und wagte,
kein Glück mir gedieh,
und so schaut' ich es nie.
 
Trug ohne Klage die Leiden, die bösen,
und dacht', es lösen sich ab die Tage,
die fröhlichen Tage, wie eilen sie!
Ich ereilte sie nie!
 


Blindes Schauen, dunkle Leuchte (Rodrigo de Coto/Heyse)
(Perchtoldsdorf, 26 novembre 1889) – Si min. 
 
Blindes Schauen, dunkle Leuchte,
Ruhm voll Weh, erstorb'nes Leben,
Unheil, das ein Heil mir däuchte,
freud'ges Weinen, Lust voll Beben,
süße Galle. Durst'ge Feuchte,
Krieg im Frieden allerwegen,
Liebe, falsch versprachst du Segen,
da dein Fluch den Schlaf mir scheuchte.
 


Eide, so die Liebe schwur (Anon./Heyse)
(Perchtoldsdorf, 31 marzo 1890) 
 
Eide, so die Liebe schwur,
schwache Bürgen sind sie nur.
Sitzt die Liebe zu Gericht,
dann, Señor, vergeßet nicht,
daß sie nie nach Recht und Pflicht,
immer nur nach Gunst verfuhr.
 
Eide, so die Liebe schwur,
schwache Bürgen sind sie nur.
Werdet dort Betrübte finden,
die mit Schwüren sich verbinden,
die verschwinden mit den Winden,
wie die Blumen auf der Flur.
 
Eide, so die Liebe schwur,
schwache Bürgen sind sie nur.
Und als Schreiber an den Schranken
seht ihr nichtige Gedanken.
Weil die leichten Händlein schwanken,
schreibt euch keiner nach der Schnur.
 
Eide, so die Liebe schwur,
schwache Bürgen sind sie nur.
Sind die Bürgen gegenwärtig,
allesamt des Spruch's gewärtig,
machen sie das Urtheil fertig;
vom Vollziehen keine Spur!
Eide, so die Liebe schwur,
schwache Bürgen sind sie nur.
 


Herz, verzage nicht geschwind (Anon./Heyse)
(Perchtoldsdorf, 19 novembre 1889) – Mi min. 
 
Herz, verzage nicht geschwind,
weil die Weiber Weiber sind.
 
Argwohn lehre sie dich kennen,
die sich lichte Sterne nennen
und wie Feuerfunken brennen.
Drum verzage nicht geschwind,
weil die Weiber Weiber sind.
 
Laß dir nicht den Sinn verwirren,
wenn sie süße Weisen girren;
möchten dich mit Listen kirren,
machen dich mit Ränken blind;
weil die Wiber Weiber sind.
 
Sind einander stets im Bunde,
fechten tapfer mit dem Munde,
wünschen, was versagt die Stunde,
bauen Schlößer in den Wind;
weil die Weiber Weiber sind.
 
Und so ist ihr Sinn verschroben,
daß sie, lobst du, was zu loben,
mit dem Mund dagegen toben,
ob ihr Herz auch Gleiches sinnt;
weil die Weiber Weiber sind.
 


Sagt, seid Ihr es, feiner Herr (Anon./Heyse)
(Perchtoldsdorf, 19 novembre 1889) – Sol magg.


Sagt, seid Ihr es, feiner Herr,
der da jüngst so hübsch gesprungen
und gesprungen und gesungen?
Seid Ihr der, vor dessen Kehle
Keiner mehr zu Wort gekommen?
habt die Backen voll genommen,
sangt gar artig, ohne Fehle.
Ja, Ihr seid's, bei meiner Seele,
der so mit uns umgesprungen
und gesprungen und gesungen.
Seid Ihr's, der auf Castagnetten
und Gesang sich nie verstand,
der sie Liebe nie gekannt,
der da floh vor Weiberketten?
Ja, Ihr seid's; doch möcht ich wetten,
manch ein Lieb habt Ihr umschlungen
und gesprungen und gesungen.
Seid Ihr der, der Tanz und Lieder
so herausstrich ohne Mass?
Seid Ihr's, der im Winkel saß
und nicht regte seine Glieder?
Ja Ihr seid's, ich kenn' Euch wieder,
der zum Gähnen uns gezwungen
und gesprungen und gesungen!
 


Mögen alle bösen Zungen (Anon./Geibel)
(Perchtoldsdorf, 3 aprile 1890) – Re magg.


Mögen alle bösen Zungen
immer sprechen, was beliebt:
wer mich liebt, den lieb' ich wieder,
und ich lieb' und bin geliebt.
 
Schlimme, schlimme Reden flüstern
eure Zungen schonungslos,
doch ich weiß es,
sie sind lüstern
nach unschuld'gem Blute bloß.
Nimmer soll es mich bekümmern,
schwatzt so viel es euch beliebt;
wer mich liebt, den lieb' ich wieder,
und ich lieb' und bin geliebt.
 
Zur Verleumdung sich verstehet nur,
wem Lieb' und Gunst gebrach,
weil's ihm selber elend gehet
und ihn niemand minnt und mag.
Darum denk' ich, daß die Liebe,
drum sie schmähn, mir Ehre giebt;
wer mich liebt, den lieb' ich wieder,
und ich lieb' und bin geliebt.
 
Wenn ich wär' aus Stein und Eisen,
möchtet ihr darauf bestehn,
daß ich sollte von mir weisen
Liebesgruß und Liebesflehn.
Doch mein Herzlein ist nun leider weich,
wie's Gott uns Mädchen giebt,
wer mich liebt, den lieb' ich wieder,
und ich lieb' und bin geliebt.


 

Köpfchen, Köpfchen, nicht gewimmert (Miguel de Cervantes/Heyse)

(Perchtoldsdorf, 31 ottobre 1889) – Sib magg.
 
Köpfchen, Köpfchen, nicht gewimmert,
halt dich wacker, halt dich munter,
stütz zwei gute Säulchen unter,
heilsam aus Geduld gezimmert!
Hoffnung schimmert,
wie sich's auch verschlimmert
und dich kümmert.
Mußt mit Grämen
dir nichts zu Herzen nehmen,
ja kein Märchen,
daß zu Berg dir stehn die Härchen;
da sei Gott davor und der Riese Christophor!
da sei Gott davor und der Riese Christophor!
 


Sagt ihm, daß er zu mir komme (Anon./Heyse)
(Perchtoldsdorf, 4 aprile 1890) – Si min. 
 
Sagt ihm, daß er zu mir komme,
denn je mehr sie mich drum schelten,
ach je mehr wächst meine Glut!
O zum Wanken bringt die Libe nichts auf Erden;
durch ihr Zanken wird sie nur gedoppelt werden.
Sie gefährden mag nicht ihrer Neider Wuth;
denn je mehr sie mich drum schelten,
ach, je mehr wächst meine Glut!
 
Eingeschlossen haben sie mich lange Tage;
unverdrossen mich gestraft mit schlimmer Plage;
Doch ich trage jede Pein mit Liebesmuth,
denn je mehr sie mich drum schelten,
ach, je mehr wächst meine Glut!
 
Meine Peiniger sagen oft, ich soll dich lassen,
doch nur einiger woll'n wir uns ins Herze fassen.
Muß ich drum erblassen,
Tod um Liebe lieblich thut,
und je mehr sie mich drum schelten,
ach, je mehr wächst meine Glut!
 


Bitt' ihn, o Mutter, bitte den Knaben (Anon./Heyse)
(Perchtoldsdorf, 26 novembre 1889) – Sol min. 
 
Bitt' ihn, o Mutter, bitte den Knaben,
nicht mehr zu zielen, weil er mich tödtet.
Mutter, o Mutter, die launische Liebe
höhnt und versöhnt mich,
flieht much und zieht mich.
Ich sah zwei Augen am letzten Sonntag,
Wunder des Himmels, Unheil der Erde.
Was man sagt, o Mutter, von Basilisken,
erfuhr mein Herze,
da ich sie sah.
Bitt' ihn, o Mutter, bitte den Knaben,
nicht mehr zu zielen, weil er mich tödtet.
 


Liebe mir im Busen zündet (orig. Heyse)
(Perchtoldsdorf, 2 aprile 1890) – La min. 
 
Liebe mir im Busen zündet einen Brand.
Wasser, liebe Mutter, eh das Herz verbrannt!
 
Nicht das blinde Kind straft für meine Fehle;
hat zuerst die Seele mir gekühlt so lind.
Dann entflammt's geschwind ach, mein Unverstand;
Wasser, liebe Mutter, eh das Herz verbrannt!
 
Ach! wo ist die Fluth, die dem Feuer wehre?
für so große Gluth sind zu arm die Meere.
Weil es wohl mir thut wein' ich unverwandt;
Wasser, liebe Mutter, eh das Herz verbrannt!
 


Schmerzliche Wonnen und wonnige Schmerzen (orig. Geibel)
(Perchtoldsdorf, 29 marzo 1890) – La magg. 
 
Schmerzliche Wonnen und wonnige Schmerzen,
Wasser im Auge und Feuer im Herzen,
Stolz auf den Lippen und Seufzer im Sinne,
Honig und Galle zugleich ist die Minne.
 
Oft, wenn ein Seelchen vom Leibe geschieden,
möcht' es Sankt Michael tragen in Frieden.
Aber der Dämon auch möcht es verschlingen;
Keiner will weichen, da geht es ans Ringen.
 
Seelchen, gequältes, in ängstlichem Wogen
fühlst du dich hier hin und dort hin gezogen,
aufwärts und abwärts. In solches Getriebe
stürzt zwischen Himmel und Höll' uns die Liebe.
 
Mütterchen, ach, und mit siebenzehn Jahren
hab ich dies Hangen und Bangen erfahren,
Hab's dann verschworen mit Thränen der Reue;
ach, und schon lieb' ich, schon lieb' ich auf's neue.
 


Trau nicht der Liebe (Anon./Heyse)
(Perchtoldsdorf, 28 marzo 1890) – La min. 
 
Trau nicht der Liebe, mein Liebster, gib Acht!
Sie macht dich noch weinen, wo heut du gelacht.
Und siehst du nicht schwinden des Mondes Gestalt?
Das Glück hat nicht minder nur wankenden Halt.
Dann rächt es sich bald; und Liebe, gieb Acht!
Sie macht dich noch weinen, wo heut du gelacht.
 
Drum hüte dich fein vor thörigem Stolze!
Wohl singen im Mai'n die Grillchen im Holze;
dann schlafen sie ein, und Liebe, gieb Acht!
sie macht dich noch weinen, wo heut du gelacht.
 
Wo schweifst du nur hin? Laß Rath dir ertheilen:
Das Kind mit den Pfeilen hat Possen im Sinn.
Die Tage, die eilen und Liebe, gieb Acht!
Sie macht dich noch weinen, wo heut du gelacht.
 
Nicht immer ist's helle, nicht immer ist's dunkel,
der Fremde Gefunkel erbleicht so schnelle.
Ein falscher Geselle ist Amor, gieb Acht!
Er macht dich noch weinen, wo heut du gelacht.
 


Ach, im Maien war's, im Maien (Anon./Heyse)
(Perchtoldsdorf, 30 marzo 1890) – La magg. 
 
Ach, im Maien war's, im Maien,
wo die warmen Lüfte wehen,
wo verliebte Leute pflegen
ihren Liebchen nachzugehn.
 
Ich allein, ich armer Trauriger,
lieg' im Kerker so verschmachtet,
und ich seh' nicht, wann es taget,
und ich weiß nicht, wann es nachtet.
 
Nur an einem Vöglein merkt' ich's,
das da drauß im Maien sang;
das hat mir ein Schütz getödtet
geb' ihm Gott den schlimmsten Dank!
 


Alle gingen, Herz, zur Ruh (Anon./Geibel)
(Perchtoldsdorf, 2 novembre 1889) – Fa magg. 
 
Alle gingen, Herz, zur Ruh,
alle schlafen, nur nicht du.
Denn der hoffnungslose Kummer
scheucht von deinem Bett den Schlummer,
und dein Sinnen schweift in stummer Sorge
seiner Liebe zu seiner Liebe zu.
 


Dereinst, dereinst Gedanken mein (Cristobal de Castillejo/Geibel)
(Perchtoldsdorf, 11 aprile 1890)


Dereinst, Gedanken mein,
Wirst ruhig sein.
Läßt Liebesglut
Dich still nicht werden,
In kühler Erden,
Da schläfst du gut,
Dort ohne Lieb' und ohne Pein
Wirst ruhig sein.
 
Was du im Leben
Nicht hast gefunden,
Wenn es entschwunden,
Wird's dir gegeben,
Dann ohne Wunden
Und ohne Pein
Wirst ruhig sein.
 


Tief im Herzen trag' ich Pein (Luis de Camõens/Geibel)
(Perchtoldsdorf, 12 aprile 1890) – Do min.


Tief im Herzen trag' ich Pein,
muß nach außen stille sein.
Den geliebten Schmerz verhehle
tief ich vor der Welt Gesicht;
und es fühlt ihn nur die Seele,
denn der Leib verdient ihn nicht.
Wie der Funke frei und licht sich verbirgt im Kieselstein,
trag' ich innen tief die Pein.
 


Komm, o Tod, von Nacht umgeben (Comendador Escrive/Geibel)
(Perchtoldsdorf, 14 aprile 1890) – Reb magg.


Komm, o Tod, von Nacht umgeben,
leise komm zu mir gegangen,
daß die Lust, dich zu umfangen,
nicht zurück mich ruf' ins Leben.
 
Komm, so wie der Blitz uns rühret,
den der Donner nicht verkündet,
bis er plötzlich sich entzündet
und den Schlag gedoppelt führet.
 
Also seist du mir gegeben,
plötzlich stillend mein Verlangen,
daß die Lust, dich zu umfangen,
nicht zurück mich ruf' ins Leben.



Ob auch finstre Blicke glitten (Anon./Heyse)
(Perchtoldsdorf, 16 aprile 1890) – Si min. 
 
Ob auch finstre Blicke glitten,
schöner Augenstern, aus dir,
wird mir doch nicht abgestritten,
daß du hast geblickt nach mir.
 
Wie sich auch der Strahl bemühte,
zu verwunden meine Brust,
gieht's ein Leiden, das die Lust,
dich zu schaun, nicht reich vergühte?
 
Und so tödtlich mein Gemüthe
unter deinem Zorn gelitten,
wird mir doch nicht abgestritten,
daß du hast geblickt nach mir.
 


Bedeckt mich mit Blumen (María Doceo?/Geibel)

(Perchtoldsdorf, 10 novembre 1889) – Lab magg.
 
Bedeckt mich mit Blumen,
ich sterbe vor Liebe.
Daß die Luft mit leisem Wehen
nicht den süßen Duft mir entführe,
bedeckt mich!
Ist ja alles doch dasselbe,
Liebesodem oder Düfte von Blumen.
Von Jasmin und weißen Lilien sollt ihr hier mein Grab bereiten,
ich sterbe.
Und befragt ihr mich: Woran?
sag' ich: Unter süßen Qualen vor Liebe -
vor Liebe.
 


Und schläfst du, mein Mädchen (Gil Vicente/Geibel)
(Perchtoldsdorf, 17 novembre 1889) – Mib magg. 


Und schläfst du, mein Mädchen, auf, öffne du mir;
denn die Stund' ist gekommen, da wir wandern von hier.
Und bist ohne Sohlen, leg' keine dir an;
durch reisende Wasser gehrt unsere Bahn.
Durch die tief tiefen Wasser des Quadalquivir;
denn die Stund' ist gekommen, da wir wandern von hier
da wir wandern von hier.
 


Sie blasen zum Abmarsch (Anon./Heyse)
(Perchtoldsdorf, 13 dicembre 1889)


Sie blasen zum Abmarsch,
Lieb Mütterlein.
Mein Liebster muß scheiden
Und läßt mich allein!
 
Am Himmel die Sterne
Sind kaum noch geflohn,
Da feuert von ferne
Das Fußvolk schon.
Kaum hört er den Ton,
Sein Ränzelein schnürt er,
Von hinnen marschiert er,
Mein Herz hinterdrein.
Mein Liebster muß scheiden
Und läßt mich allein!
 
Mir ist wie dem Tag,
Dem die Sonne geschwunden.
Mein Trauern nicht mag
So balde gesunden.
Nach nichts ich frag,
Keine Lust mehr heg ich,
Nur Zwiesprach pfleg ich
Mit meiner Pein -
Mein Liebster muß scheiden
Und läßt mich allein!
 


Weint nicht, ihr Äuglein (Lope de Vega/Heyse)
(Perchtoldsdorf, 29 marzo 1890) 
 
Weint nicht, ihr Äuglein!
Wie kann so trübe weinen vor Eifersucht,
wer tödtet durch Liebe?
Wer selbst Tod bringt,
der sollt' ihn ersehnen?
Sein Lächeln bezwingt
was trotzt seinen Thränen.
Weint nicht, ihr Äuglein!
Wie kann so trübe weinen vor Eifersucht,
wer tödtet durch Liebe?
 


Wer tat deinem Füßlein weh? (Anon./Geibel)
(Perchtoldsdorf, 5 dicembre 1889) – La magg. 
 
"Wer tat deinem Füßlein weh?
La Marioneta,
Deiner Ferse weiß wie Schnee?
La Marion."
 
Sag Euch an, was krank mich macht,
Will kein Wörtlein Euch verschweigen:
Ging zum Rosenbusch zur Nacht,
Brach ein Röslein von den Zweigen;
Trat auf einen Dorn im Gang,
La Marioneta,
Der mir bis ins Herze drang,
La Marion.
 
Sag Euch alle meine Pein,
Freund, und will Euch nicht berücken:
Ging in einem Wald allein,
Eine Lilie mir zu pflücken;
Traf ein Stachel scharf mich dort,
La Marioneta,
War ein süßes Liebeswort,
La Marion.
 
Sag Euch mit Aufrichtigkeit
Meine Krankheit, meine Wunde:
In den Garten ging ich heut,
Wo die schönste Nelke stunde;
Hat ein Span mich dort verletzt,
La Marioneta,
Blutet fort und fort bis jetzt,
La Marion.
 
"Schöne Dame, wenn Ihr wollt,
Bin ein Wundarzt guter Weise,
Will die Wund' Euch stillen leise,
Daß Ihr's kaum gewahren sollt.
Bald sollt Ihr genesen Sein,
La Marioneta,
Bald geheilt von aller Pein,
La Marion."
 


Deine Mutter, süßes Kind (orig. Heyse)
(Perchtoldsdorf, 2 aprile 1890) – Fa# min.


Deine Mutter, süßes Kind,
da sie in den Weh'n gelegen,
brausen hörte sie den Wind.
Und so hat sie dich geboren
mit dem falschen wind'gen Sinn.
Hast du heut ein Herz erkoren,
wirfst es morgen treulos hin.
Doch den zähl' ich zu den Thoren,
der dich schmäht der Untreu wegen:
Dein Geschick war dir entgegen;
denn die Mutter, süßes Kind,
da sie in den Weh'n gelegen,
brausen hörte sie den Wind.
 
 

Da nur Leid und Leidenschaft (Anon./Heyse)
(Perchtoldsdorf, 20 aprile 1890) – Si min. 
 
Da nur Leid und Leidenschaft
mich bestürmt in deiner Haft,
biet' ich nun mein Herz zu Kauf.
Sagt, hat einer Lust darauf?
 
Soll ich sagen, wie ich's schätze,
sind drei Batzen nicht zu viel.
Nimmer war's des Windes Spiel,
eigensinnig blieb's im Netze.
 
Aber weil mich drängt die Noth
biet' ich nun mein Herz zu Kauf,
schlag' es los zum Meistgebot -
sagt, hat einer Lust darauf?
 
Täglich kränkt es mich im Stillen
und erfreut mich nimmermehr.
Nun wer bietet? wer giebt mehr?
Fort mit ihm und seinen Grillen!
 
Daß sie schlim sind, leuchtet ein,
biet' ich doch mein Herz zu Kauf.
Wär es froh, behielt' ich's fein -
sagt, hat einer Lust darauf?
 
Kauft ihr's, leb' ich ohne Grämen
Mag es haben, wenn's beliebt!
Nun wer kauft? wer will es nehmen?
Sag' ein Jeder, was er giebt.
 
Noch einmal vorm Hammerschlag
biet' ich jetzt mein Herz zu Kauf,
daß man sich entscheiden mag -
sagt, hat einer Lust darauf?
 
Nun zum ersten und zum zweiten
und beim dritten schlag' ich's zu!
Gut denn! Mag dir's Glück bereiten;
nimm es, meine Liebste du!
 
Brenn' ihm mit dem glühn'den Erz
gleich das Sklavenzeichen auf;
denn ich schenke dir mein Herz,
hast du auch nicht Lust zum Kauf.
 


Wehe der, die mir verstrickte (Gil Vicente/Heyse)
(Pechtoldsdorf, 27 aprile 1890) – La min. 
 
Wehe der, die mir verstrickte
meinen Geliebten!
Wehe der, die ihn verstrickte!
Ach, der Erste, den ich liebte,
ward gefangen in Sevilla.
Mein Vielgeliebter,
Wehe der, die ihn verstrickte!
Ward gefangen in Sevilla
mit der Fessel mener Locken.
Mein Vielgeliebter,
Wehe der, wehe der,
die ihn verstrickte!
Wehe der!
 


Geh, Geliebter, geh jetzt! (Anon./Geibel)
(Perchtoldsdorf, 1 aprile 1890) – Fa# magg. 
 
Geh, Geliebter, geh jetzt!
Sieh, der Morgen dämmert.
 
Leute gehn schon durch die Gasse,
Und der Markt wird so belebt,
Daß der Morgen wohl, der blasse,
Schon die weißen Flügel hebt.
Und vor unsern Nachbarn bin ich
Bange, daß du Anstoß gibst;
Denn sie wissen nicht, wie innig
Ich dich lieb und du mich liebst.
 
Drum, Geliebter, geh jetzt,
Sieh, der Morgen dämmert.
 
Wenn die Sonn am Himmel scheinend
Scheucht vom Feld die Perlen klar,
Muß auch ich die Perle weinend
Lassen, die mein Reichtum war.
Was als Tag den andern funkelt,
Meinen Augen dünkt es Nacht,
Da die Trennung bang mir dunkelt,
Wenn das Morgenrot erwacht.
 
Geh, Geliebter, geh jetzt!
Sieh, der Morgen dämmert.
 
Fliehe denn aus meinen Armen!
Denn versäumest du die Zeit,
Möchten für ein kurz Erwarmen
Wir ertauschen langes Leid.
Ist in Fegefeuersqualen
Doch ein Tag schon auszustehn,
Wenn die Hoffnung fern in Strahlen
Läßt des Himmels Glorie sehn.
 
Drum, Geliebter, geh jetzt!
Sieh, der Morgen dämmert.

 

 

 

Auch kleine Dinge

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  

Auch kleine Dinge können uns entzücken,
Auch kleine Dinge können teuer sein.
Bedenkt, wie gern wir uns mit Perlen schmücken;
Sie werden schwer bezahlt und sind nur klein.
Bedenkt, wie klein ist die Olivenfrucht,
Und wird um ihre Güte doch gesucht.
Denkt an die Rose nur, wie klein sie ist,
Und duftet doch so lieblich, wie ihr wißt.
 
 
Mir ward gesagt

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  

 

Mir ward gesagt, du reisest in die Ferne.
Ach, wohin gehst du, mein geliebtes Leben?
Den Tag, an dem du scheidest, wüßt' ich gerne;
Mit Tränen will ich das Geleit dir geben.
Mit Tränen will ich deinen Weg befeuchten -
Gedenk an mich, und Hoffnung wird mir leuchten!
Mit Tränen bin ich bei dir allerwärts -
Gedenk an mich, vergiß es nicht, mein Herz!
 



Ihr seid die Allerschönste

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  
 


Ihr seid die Allerschönste weit und breit,
Viel schöner als im Mai der Blumenflor.
Orvietos Dom steigt so voll Herrlichkeit,
Viterbos größter Brunnen nicht empor.
So hoher Reiz und Zauber ist dein eigen,
Der Dom von Siena muß sich vor dir neigen.
Ach, du bist so an Reiz und Anmut reich,
Der Dom von Siena selbst ist dir nicht gleich.
 


Gesegnet sei

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  
 
Gesegnet sei, durch den die Welt entstund;
Wie trefflich schuf er sie nach allen Seiten!
Er schuf das Meer mit endlos tiefem Grund,
Er schuf die Schiffe, die hinübergleiten,
Er schuf das Paradies mit ew'gem Licht,
Er schuf die Schönheit und dein Angesicht.
 


Selig ihr Blinden

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  
 
Selig ihr Blinden, die ihr nicht zu schauen
Vermögt die Reize, die uns Glut entfachen;
Selig ihr Tauben, die ihr ohne Grauen
Die Klagen der Verliebten könnt verlachen;
Selig ihr Stummen, die ihr nicht den Frauen
Könnt eure Herzensnot verständlich machen;
Selig ihr Toten, die man hat begraben!
Ihr sollt vor Liebesqualen Ruhe haben.
 


Wer rief dich denn?

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  
 
Wer rief dich denn? Wer hat dich herbestellt?
Wer hieß dich kommen, wenn es dir zur Last?
Geh zu dem Liebchen, das dir mehr gefällt,
Geh dahin, wo du die Gedanken hast.
Geh nur, wohin dein Sinnen steht und Denken!
Daß du zu mir kommst, will ich gern dir schenken.
Geh zu dem Liebchen, das dir mehr gefällt!
Wer rief dich denn? Wer hat dich herbestellt?
 


Der Mond hat eine schwere Klag’

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  


Der Mond hat eine schwere Klag' erhoben
Und vor dem Herrn die Sache kund gemacht;
Er wolle nicht mehr stehn am Himmel droben,
Du habest ihn um seinen Glanz gebracht.
Als er zuletzt das Sternenheer gezählt,
Da hab es an der vollen Zahl gefehlt;
Zwei von den schönsten habest du entwendet:
Die beiden Augen dort, die mich verblendet.

 
 

Nun lass uns Frieden schliessen

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  
 

Nun laß uns Frieden schließen, liebstes Leben,
Zu lang ist's schon, daß wir in Fehde liegen.
Wenn du nicht willst, will ich mich dir ergeben;
Wie könnten wir uns auf den Tod bekriegen?
Es schließen Frieden Könige und Fürsten,
Und sollen Liebende nicht darnach dürsten?
Es schließen Frieden Fürsten und Soldaten,
Und sollt' es zwei Verliebten wohl mißraten?
Meinst du, daß, was so großen Herrn gelingt,
Ein Paar zufriedner Herzen nicht vollbringt?
 


Dass doch gemalt

(Vienna, 29 novembre 1891) – Fa magg.


Daß doch gemalt all deine Reize wären,
Und dann der Heidenfürst das Bildnis fände.
Er würde dir ein groß Geschenk verehren,
Und legte seine Kron' in deine Hände.
Zum rechten Glauben müßt' sich bekehren
Sein ganzes Reich, bis an sein fernstes Ende.
Im ganzen Land würd' es ausgeschrieben,
Christ soll ein jeder werden und dich lieben.
Ein jeder Heide flugs bekehrte sich
Und würd' ein guter Christ und liebte dich.

 


Du denkst mit einem Fädchen

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  

Du denkst mit einem Fädchen mich zu fangen,
Mit einem Blick schon mich verliebt zu machen?
Ich fing schon andre, die sich höher schwangen;
Du darfst mir ja nicht trau'n, siehst du mich lachen.
Schon andre fing ich, glaub' es sicherlich.
Ich bin verliebt, doch eben nicht in dich.

 


Wie lange schon

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  

Wie lange schon war immer mein Verlangen:
Ach wäre doch ein Musikus mir gut!
Nun ließ der Herr mich meinen Wunsch erlangen
Und schickt mir einen, ganz wie Milch und Blut.
Da kommt er eben her mit sanfter Miene,
Und senkt den Kopf und spielt die Violine.



Nein, junger Herr

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I   

Nein, junger Herr, so treibt man's nicht, fürwahr;
Man sorgt dafür, sich schicklich zu betragen.
Für alltags bin ich gut genug, nicht wahr?
Doch beßre suchst du dir an Feiertagen.
Nein, junger Herr, wirst du so weiter sünd'gen,
Wird dir den Dienst dein Alltagsliebchen künd'gen.
 
 

Hoffärtig seid Ihr

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  
 
Hoffärtig seid Ihr, schönes Kind, und geht
Mit Euren Freiern um auf stolzem Fuß.
Spricht man Euch an, kaum daß Ihr Rede steht,
Als kostet Euch zuviel ein holder Gruß.
Bist keines Alexanders Töchterlein,
Kein Königreich wird deine Mitgift sein,
Und willst du nicht das Gold, so nimm das Zinn;
Willst du nicht Liebe, nimm Verachtung hin.
 


Geselle, woll’n wir uns

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  

Geselle, woll'n wir uns in Kutten hüllen,
Die Welt dem lassen, den sie mag ergötzen?
Dann pochen wir an Tür um Tür im Stillen:
,,Gebt einem armen Mönch um Jesu willen."
,,O lieber Pater, du mußt später kommen,
Wenn aus dem Ofen wir das Brot genommen.
O lieber Pater, komm nur später wieder,
Ein Töchterlein von mir liegt krank danieder."
,,Und ist sie krank, so laßt mich zu ihr gehen,
Daß sie nicht etwa sterbe unversehen.
Und ist sie krank, so laß mich nach ihr schauen,
Daß sie mir ihre Beichte mag vertrauen.
Schließt Tür und Fenster, daß uns keiner störe,
Wenn ich des armen Kindes Beichte höre!"
 


Mein Liebster ist so klein

(Vienna, 3 dicembre 1891) – Fa magg.


Mein Liebster ist so klein, daß ohne Bücken
Er mir das Zimmer fegt mit seinen Locken.
Als er ins Gärtlein ging, Jasmin zu pflücken,
Ist er vor einer Schnecke sehr erschrocken.
Dann setzt' er sich ins Haus um zu verschnaufen,
Da warf ihn eine Fliege übern Haufen;
Und als er hintrat an mein Fensterlein,
Stieß eine Bremse ihm den Schädel ein.
Verwünscht sei'n alle Fliegen, Schnaken, Bremsen
Und wer ein Schätzchen hat aus den Maremmen!
Verwünscht sei'n alle Fliegen, Schnaken, Mücken
Und wer sich, wenn er küßt, so tief muß bücken!



Ihr jungen Leute

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  
 
Ihr jungen Leute, die ihr zieht ins Feld,
Auf meinen Liebsten sollt ihr Achtung geben.
Sorgt, daß er tapfer sich im Feuer hält;
Er war noch nie im Kriege all sein Leben.
Laßt nie ihn unter freiem Himmel schlafen;
Er ist so zart, es möchte sich bestrafen.
Laßt mir ihn ja nicht schlafen unterm Mond;
Er ginge drauf, er ist's ja nicht gewohnt.
 


Und willst du deinen Liebsten

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  

Und willst du deinen Liebsten sterben sehen,
So trage nicht dein Haar gelockt, du Holde.
Laß von den Schultern frei sie niederwehen;
Wie Fäden sehn sie aus von purem Golde.
Wie goldne Fäden, die der Wind bewegt -
Schön sind die Haare, schön ist, die sie trägt!
Goldfäden, Seidenfäden ungezählt -
Schön sind die Haare, schön ist, die sie strählt!
 


Heb’ auf dein blondes Haupt

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  

Heb' auf dein blondes Haupt und schlafe nicht,
Und laß dich ja von Schlummer nicht betören.
Ich sage dir vier Worte von Gewicht,
Von denen darfst du keines überhören.
Das erste: daß um dich mein Herze bricht,
Das zweite: dir nur will ich angehören,
Das dritte: daß ich dir mein Heil befehle,
Das letzte: dich allein liebt meine Seele.
 


Wir haben beide

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  

Wir haben beide lange Zeit geschwiegen,
Auf einmal kam uns nun die Sprache wieder.
Die Engel, die herab vom Himmel fliegen,
Sie brachten nach dem Krieg den Frieden wieder.
Die Engel Gottes sind herabgeflogen,
Mit ihnen ist der Frieden eingezogen.
Die Liebesengel kamen über Nacht
Und haben Frieden meiner Brust gebracht.
 
 
Mein Liebster singt

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  

Mein Liebster singt am Haus im Mondenscheine,
Und ich muß lauschend hier im Bette liegen.
Weg von der Mutter wend' ich mich und weine,
Blut sind die Tränen, die mir nicht versiegen.
Den breiten Strom am Bett hab ich geweint,
Weiß nicht vor Tränen, ob der Morgen scheint.
Den breiten Strom am Bett weint' ich vor Sehnen;
Blind haben mich gemacht die blut'gen Tränen.
 


Man sagt mir

(Vienna, 23 dicembre 1891) – La min.


Man sagt mir, deine Mutter woll es nicht;
So bleibe weg, mein Schatz, tu ihr den Willen.
Ach Liebster, nein! tu ihr den Willen nicht,
Besuch mich doch, tu's ihr zum Trotz, im stillen!
Nein, mein Geliebter, folg ihr nimmermehr,
Tu's ihr zum Trotz, komm öfter als bisher!
Nein, höre nicht auf sie, was sie auch sage;
Tu's ihr zum Trotz, mein Lieb, komm alle Tage!
 



Ein Ständchen Euch zu bringen

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. I  
 

Ein Ständchen Euch zu bringen kam ich her,
Wenn es dem Herrn vom Haus nicht ungelegen.
Ihr habt ein schönes Töchterlein. Es wär
Wohl gut, sie nicht zu streng im Haus zu hegen.
Und liegt sie schon im Bett, so bitt ich sehr,
Tut es zu wissen ihr von meinetwegen,
Daß ihr Getreuer hier vorbeigekommen,
Der Tag und Nacht sie in den Sinn genommen,
Und daß am Tag, der vierundzwanzig zählt,
Sie fünfundzwanzig Stunden lang mir fehlt.
 

 
Was für ein Lied

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

 

Was für ein Lied soll dir gesungen werden,
Das deiner würdig sei? Wo find ich's nur?
Am liebsten grüb' ich es tief aus der Erden,
Gesungen noch von keiner Kreatur.
Ein Lied, das weder Mann noch Weib bis heute
Hört' oder sang, selbst nicht die ält'sten Leute.
 


Ich esse nun mein Brot

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Ich esse nun mein Brot nicht trocken mehr,
Ein Dorn ist mir im Fuße stecken blieben.
Umsonst nach rechts und links blick' ich umher,
Und keinen find' ich, der mich möchte lieben.
Wenn's doch auch nur ein altes Männlein wäre,
Das mir erzeigt' ein wenig Lieb' und Ehre.
Ich meine nämlich, so ein wohlgestalter,
Ehrbarer Greis, etwa von meinem Alter.
Ich meine, um mich ganz zu offenbaren,
Ein altes Männlein so von vierzehn Jahren.
 


Mein Liebster hat zu Tische

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II
 
Mein Liebster hat zu Tische mich geladen
Und hatte doch kein Haus mich zu empfangen,
Nicht Holz noch Herd zum Kochen und zum Braten,
Der Hafen auch war längst entzwei gegangen.
An einem Fäßchen Wein gebrach es auch,
Und Gläser hat er gar nicht im Gebrauch;
Der Tisch war schmal, das Tafeltuch nicht besser,
Das Brot steinhart und völlig stumpf das Messer.
 


Ich liess mir sagen

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II
 
Ich ließ mir sagen und mir ward erzählt,
Der schöne Toni hungre sich zu Tode;
Seit ihn so überaus die Liebe quält,
Nimmt er auf einen Backzahn sieben Brote.
Nach Tisch, damit er die Verdauung stählt
Verspeist er eine Wurst und sieben Brote,
Und lindert nicht Tonina seine Pein,
Bricht nächstens Hungersnot und Teurung ein.
 


Schon streckt’ ich aus

(Perchtoldsdorf, 29 marzo 1896) – Lab magg. 


Schon streckt' ich aus im Bett die müden Glieder,
Da tritt dein Bildnis vor mich hin, du Traute.
Gleich spring ich auf, fahr' in die Schuhe wieder
Und wandre durch die Stadt mit meiner Laute.
Ich sing' und spiele, daß die Straße schallt;
So manche lauscht - vorüber bin ich bald.
So manches Mädchen hat mein Lied gerührt,
Indes der Wind schon Sang und Klang entführt.
 
Du sagst mir

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Du sagst mir, daß ich keine Fürstin sei;
Auch du bist nicht auf Spaniens Thron entsprossen.
Nein, Bester, stehst du auf bei Hahnenschrei,
Fährst du aufs Feld und nicht in Staatskarossen.
Du spottest mein um meine Niedrigkeit,
Doch Armut tut dem Adel nichts zu Leid.
Du spottest, daß mir Krone fehlt und Wappen,
Und fährst doch selber nur mit Schusters Rappen.
 


Wohl kenn’ ich Euren Stand

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Wohl kenn' ich Euren Stand, der nicht gering.
Ihr brauchtet nicht so tief herabzusteigen,
Zu lieben solch ein arm und niedrig Ding,
Da sich vor Euch die Allerschönsten neigen.
Die schönsten Männer leicht besiegtet Ihr,
Drum weiß ich wohl, Ihr treibt nur Spiel mit mir.
Ihr spottet mein, man hat mich warnen wollen,
Doch ach, Ihr seid so schön! Wer kann Euch grollen?
 

 

 

Lass sie nur gehen

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II


Laß sie nur gehn, die so die Stolze spielt,
Das Wunderkräutlein aus dem Blumenfeld.
Man sieht, wohin ihr blankes Auge zielt,
Da Tag um Tag ein andrer ihr gefällt.
Sie treibt es grade wie Toscanas Fluß,
Dem jedes Berggewässer folgen muß.
Sie treibt es wie der Arno, will mir scheinen:
Bald hat sie viel Bewerber, bald nicht einen.
 


Wie soll ich fröhlich sein

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Wie soll ich fröhlich sein und lachen gar,
Da du mir immer zürnest unverhohlen?
Du kommst nur einmal alle hundert Jahr,
Und dann, als hätte man dir's anbefohlen.
Was kommst du, wenn's die Deinen ungern sehn?
Gib frei mein Herz, dann magst du weitergehn.
Daheim mit deinen Leuten leb in Frieden,
Denn was der Himmel will, geschieht hinieden.
Halt Frieden mit den Deinigen zu Haus,
Denn was der Himmel will, das bleibt nicht aus.
 
Was soll der Zorn

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Was soll der Zorn, mein Schatz, der dich erhitzt?
Ich bin mir keiner Sünde ja bewußt,
Ach, lieber nimm ein Messer wohlgespitzt
Und tritt zu mir, durchbohre mir die Brust.
Und taugt ein Messer nicht, so nimm ein Schwert,
Daß meines Blutes Quell gen Himmel fährt.
Und taugt ein Schwert nicht, nimm des Dolches Stahl
Und wasch in meinem Blut all meine Qual.

 


Sterb’ ich, so hüllt in Blumen

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II
 
Sterb' ich, so hüllt in Blumen meine Glieder;
Ich wünsche nicht, daß ihr ein Grab mir grabt.
Genüber jenen Mauern legt mich nieder,
Wo ihr so manchmal mich gesehen habt.
Dort legt mich hin, in Regen oder Wind;
Gern sterb ich, ist's um dich, geliebtes Kind.
Dort legt mich hin in Sonnenschein und Regen;
Ich sterbe lieblich, sterb' ich deinetwegen.
 


Und steht Ihr früh

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II
 
Und steht Ihr früh am Morgen auf vom Bette,
Scheucht Ihr vom Himmel alle Wolken fort,
Die Sonne lockt Ihr auf die Berge dort,
Und Engelein erscheinen um die Wette
Und bringen Schuh und Kleider Euch sofort.
Dann, wenn Ihr ausgeht in die heil'ge Mette,
So zieht Ihr alle Menschen mit Euch fort,
Und wenn Ihr naht der benedeiten Stätte,
So zündet Euer Blick die Lampen an.
Weihwasser nehmt Ihr, macht des Kreuzes Zeichen
Und netzet Eure weiße Stirn sodann
Und neiget Euch und beugt die Knie ingleichen -
O wie holdselig steht Euch alles an!
Wie hold und selig hat Euch Gott begabt,
Die Ihr der Schönheit Kron empfangen habt!
Wie hold und selig wandelt Ihr im Leben;
Der Schönheit Palme ward an Euch gegeben.
 


Benedeit die sel’ge Mutter

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Benedeit die sel'ge Mutter,
Die so lieblich dich geboren,
So an Schönheit auserkoren,
Meine Sehnsucht fliegt dir zu!
 
Du so lieblich von Gebärden,
Du die Holdeste der Erden,
Du mein Kleinod, meine Wonne,
Süße, benedeit bist du!
 
Wenn ich aus der Ferne schmachte
Und betrachte deine Schöne,
Siehe wie ich beb und stöhne,
Daß ich kaum es bergen kann!
 
Und in meiner Brust gewaltsam
Fühl ich Flammen sich empören,
Die den Frieden mir zerstören,
Ach, der Wahnsinn faßt mich an!
 
Benedeit die sel'ge Mutter,
Die so lieblich dich geboren,
So an Schönheit auserkoren,
Meine Sehnsucht fliegt dir zu!
 


Wenn du, mein Liebster

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Wenn du, mein Liebster, steigst zum Himmel auf,
Trag ich mein Herz dir in der Hand entgegen.
So liebevoll umarmst du mich darauf,
Dann woll'n wir uns dem Herrn zu Füßen legen.
Und sieht der Herrgott unsre Liebesschmerzen,
Macht er ein Herz aus zwei verliebten Herzen,
Zu einem Herzen fügt er zwei zusammen,
Im Paradies, umglänzt von Himmelsflammen.

 
 
Wie viele Zeit verlor ich

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Wie viele Zeit verlor ich, dich zu lieben!
Hätt ich doch Gott geliebt in all der Zeit.
Ein Platz im Paradies wär mir verschrieben,
Ein Heilger säße dann an meiner Seit.
Und weil ich dich geliebt, schön frisch Gesicht,
Verscherzt ich mir des Paradieses Licht,
Und weil ich dich geliebt, schön Veigelein,
Komm ich nun nicht ins Paradies hinein.
 


Wenn du mich mit den Augen streifst

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Wenn du mich mit den Augen streifst und lachst,
Sie senkst, und neigst das Kinn zum Busen dann,
Bitt' ich, daß du mir erst ein Zeichen machst,
Damit ich doch mein Herz auch bänd'gen kann,
Daß ich mein Herz mag bänd'gen, zahm und still,
Wenn es vor großer Liebe springen will,
Daß ich mein Herz mag halten in der Brust,
Wenn es ausbrechen will vor großer Lust.

 


Gesegnet sei das Grün

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Gesegnet sei das Grün und wer es trägt!
Ein grünes Kleid will ich mir machen lassen.
Ein grünes Kleid trägt auch die Frühlingsaue,
Grün kleidet sich der Liebling meiner Augen.
In Grün sich kleiden ist der Jäger Brauch,
Ein grünes Kleid trägt mein Geliebter auch;
Das Grün steht allen Dingen lieblich an,
Aus Grün wächst jede schöne Frucht heran.
 


O wär dein Haus durchsigtig

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

O wär dein Haus durchsichtig wie ein Glas,
Mein Holder, wenn ich mich vorüberstehle!
Dann säh' ich drinnen dich ohn Unterlaß,
Wie blickt' ich dann nach dir mit ganzer Seele!
Wie viele Blicke schickte dir mein Herz,
Mehr als da Tropfen hat der Fluß im März!
Wie viele Blicke schickt' ich dir entgegen,
Mehr als da Tropfen niedersprühn im Regen!
 


Heut Nacht erhob ich mich

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Heut’  Nacht erhob ich mich um Mitternacht,
Da war mein Herz mir heimlich fortgeschlichen.
Ich frug: Herz, wohin stürmst du so mit Macht?
Es sprach: Nur Euch zu sehn, sei es entwichen.
Nun sieh, wie muß es um mein Lieben stehn:
Mein Herz entweicht der Brust, um dich zu sehn!
 


Nicht länger kann ich singen

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Nicht länger kann ich singen, denn der Wind
Weht stark und macht dem Atem was zu schaffen.
Auf fürcht ich, daß die Zeit umsonst verrinnt.
Ja wär ich sicher, ging ich jetzt nicht schlafen.
Ja wüßt ich was, würd ich nicht heimspazieren
Und einsam diese schöne Zeit verlieren.
 


Schweig einmal still

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Schweig einmal still, du garst'ger Schwätzer dort!
Zum Ekel ist mir dein verwünschtes Singen.
Und triebst du es bis morgen früh so fort,
Doch würde dir kein schmuckes Lied gelingen.
Schweig einmal still und lege dich aufs Ohr!
Das Ständchen eines Esels zög ich vor.
 


O wüsstest du

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

O wüßtest du, wie viel ich deinetwegen,
Du falsche Renegatin, litt zur Nacht,
Indes du im verschloßnen Haus gelegen
Und ich die Zeit im Freien zugebracht.
Als Rosenwasser diente mir der Regen,
Der Blitz hat Liebesbotschaft mir gebracht;
Ich habe Würfel mit dem Sturm gespielt,
Als unter deinem Dach ich Wache hielt.
Mein Bett war unter deinem Dach bereitet,
Der Himmel lag als Decke drauf gebreitet,
Die Schwelle deiner Tür, das war mein Kissen -
Ich Ärmster, ach, was hab ich ausstehn müssen!

 


Verschling’ der Abgrund 

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Verschling’ der Abgrund meines Liebsten Hütte,
An ihrer Stelle schäum ein See zur Stunde.
Bleikugeln soll der Himmel drüber schütten,
Und ein Schlange hause dort im Grunde.
Drin hause eine Schlange gift'ger Art,
Die ihn vergifte, der mir untreu ward.
Drin hause ein Schlange, giftgeschwollen,
Und bring ihm Tod, der mich verraten wollen!
 


Ich hab’ in Penna

Italienisches Liederbuch, nach Paul Heyse, vol. II

Ich hab in Penna einen Liebsten wohnen,
In der Maremmeneb'ne einen andern,
Einen im schönen Hafen von Ancona,
Zum vierten muß ich nach Viterbo wandern;
Ein andrer wohnt in Casentino dort,
Der nächste lebt mit mir am selben Ort,
Und wieder einen hab ich in Magione,
Vier in La Fratta, zehn in Castiglione.
 

 

 

 
WOHL DENK ICH OFT AN MEIN VERGANGNES LEBEN
(Walter Heinrich Robert-Tornow aus Michelangelo)
 
 Wohl denk ich oft an mein vergangnes Leben,
 Wie es vor meiner Liebe für dich war;
 Kein Mensch hat damals Acht auf mich gegeben,
 Ein jeder Tag verloren für mich war;
 Ich dachte wohl, ganz dem Gesang zu leben,
 Auch mich zu flüchten aus der Menschen Schar.
 Genannt in Lob und Tadel bin ich heute,
 Und, daß ich da bin, wissen alle Leute!
 
 
ALLES ENDET, WAS ENTSTEHET
(Walter Heinrich Robert-Tornow aus Michelangelo)
 
 Alles, alles rings vergehet,
 Denn die Zeit flieht, und die Sonne
 Sieht, daß alles rings vergehet,
 Denken, Reden, Schmerz, und Wonne;
 Und die wir zu Enkeln hatten
 Schwanden wie bei Tag die Schatten,
 Wie ein Dunst im Windeshauch.
 Menschen waren wir ja auch,
 Froh und traurig, so wie ihr,
 Und nun sind wir leblos hier,
 Sind nur Erde, wie ihr sehet.
 Alles ended, was entstehet.
 Alles, alles rings vergehet.
 
 
FÜHLT MEINE SEELE DAS ERSEHNTE LICHT
(Walter Heinrich Robert-Tornow aus Michelangelo)
 
Fühlt meine Seele das ersehnte Licht
 Von Gott, der sie erschuf? Ist es der Strahl
 Von andrer Schönheit aus dem Jammertal,
 Der in mein Herz Erinnrung weckend bricht?
 
 Ist es ein Klang, ein Traumgesicht,
 Das Aug und Herz mir füllt mit einem Mal
 In unbegreiflich glüh'nder Qual,
 Die mich zu Tränen bringt? Ich weiß es nicht.
 
 Was ich ersehne, fühle, was mich lenkt,
 Ist nicht in mir: sag mir, wie ich's erwerbe?
 Mir zeigt es wohl nur eines Andren Huld;
 
 Darein bin ich, seit ich dich sah, versenkt.
 Mich treibt ein Ja und Nein, ein Süß und Herbe -
 Daran sind, Herrin, deine Augen Schuld.